So gelingt die Gerüchteküche

Im Unternehmen blieb wohl kein Stein mehr auf dem anderen. Eine Umstrukturierung machte die Runde, ganze Betriebsteile sollen geschlossen werden. Doch offiziell war das alles nicht. Die Chefetage war abgetaucht und die Mitarbeitenden waren ratlos: welchem der Gerüchte sollten sie denn nun glauben?

Unabhängig vom Alter eines Unternehmens gibt es immer wieder Anpassungen der Strategien, Strukturen und Personalstärke. Für die Betroffenen ist das eine Zeit der Unsicherheit, denn schließlich hängen Familien, Wohnorte und Zukunftspläne daran, ob es weiterhin einen Job gibt oder nicht. Also ist der Informationsbedarf in der Belegschaft hoch, während in der Geschäftsführung der Informationswille niedrig ist: Zum einen will sich keiner in die Karten schauen lassen. Zum anderen sind viele Fakten auch noch nicht klar. Diese ergeben sich erst im Laufe des Prozesses.

In der Gerüchteküche brodelt esDoch wer die Gerüchteküche richtig hochkochen lassen will, fängt an dieser Stelle an mit Informationen zu geizen, macht sich rar und bleibt alles in allem im unnahbaren Ungefähren. Das kann auch als Illoyalität gegenüber den Angestellten interpretiert werden. So entsteht ein leerer Raum voll enttäuschter Erwartungen. Dieser Raum beginnt sich langsam mit Gerüchten zu füllen. Bei diesen Gerüchten ist oft weniger der Inhalt interessant, als das, was mittlerweile für möglich oder wahr gehalten wird: „Die ganze Personalabteilung hat Rechtsschutzversicherungen abgeschlossen!“, „Jeder muss sich auf seine Stelle erneut bewerben!“, „Es werden 25 Prozent von uns entlassen!“ Egal, ob sich das als richtig herausstellen wird, die Qualität der Gerüchte sagt viel über die Stimmung im Unternehmen aus.

„Wir können doch noch gar nichts sagen. Denn es ist noch nicht fertig geplant / entschieden / genehmigt.“ Mit diesem Argument wird oft der Wunsch nach Gesprächen zurückgewiesen. Dabei verlangt auch die Belegschaft nicht nach ultimativen Fakten. Blöd sind die Angestellten ja nicht (sonst wären sie auch nicht eingestellt worden), jeder weiß, dass sich im Laufe der Umstrukturierung neue Dinge ergeben können. Gleichzeitig gilt: Je länger die Unsicherheit, desto größer die Enttäuschung und desto höher die Gefahr, dass gerade jene freiwillig kündigen, die doch eigentlich für die Zukunft gebraucht werden. Und eine demoralisierte Mitarbeiterschaft muss später mühevoll wieder an Bord geholt werden. Daher sollte es doch wenigstens ein Dialogangebot geben.

Für einen Dialog, in dem ich als Angestellter sagen kann, was das Ganze mit mir macht, mit meiner Familie, mit meinen Zukunftsplänen. Ein Dialog, in dem die Geschäftsführung oder von ihr beauftragte Personen vor allem zuhören, Verständnis zeigen und die Stimmung aufnehmen. Ein Dialog, der entlastet, alleine dadurch, dass er stattfindet. Dieser Dialog ist prozessorientiert, nicht lösungsorientiert. Wer fertige Lösungen verlangt oder anbieten will, unterschätzt die motivierende Kraft des Zuhörens und Miteinander-Redens. Denn wer weiß, wen ich von einer Kündigung abhalte und welch gute Ideen in einem solchen Gespräch entstehen können – zu beiderseitigem Nutzen.

Man kann nicht nicht kommunizieren.

Paul Watzlawick (1921 – 2007, österreichisch-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Soziologe, Philosoph und Autor)

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Die „Mach alles wieder gut“-Taste

Wie aus dem Nichts eskalierte der Streit. Ähnlich wie bei einem heftigen Gewitter prasselten die Vorwürfe auf das Paar nieder und am Ende, mit einem großen Donnerschlag, knallte sie die Wohnungstür zu und zog aus. Wie hatte es in einer Stunde nur so weit kommen können?

Hinein und durch zur grundlegenden LösungManchmal sind es nichtige Anlässe, die ganz am Anfang einer Kettenreaktion stehen, die keiner wollte und gleichzeitig jeder befeuerte: die vergessene Sonnenbrille zum Beispiel. Oder der falsch bestellte Wein. Auch ein Klassiker: das dreckige Geschirr. Wenn der Streit schnell vom konkreten Anlass zum Grundsätzlichen eskaliert, war zwar der Anlass nichtig, doch die darunterliegende Ursache wichtig. Da geht es vielleicht um verdiente und nicht gewährte Anerkennung, mangelnde Wahrnehmung oder vermisstes Zueinanderstehen.

Irgendwo, auf halbem Weg zum katastrophalen Ende, wird so manchem angst und bange und er oder sie würde am liebsten die „Mach alles wieder gut“-Taste drücken. Das Gewitter verzöge sich, die Sonne schiene wieder und Friede zöge ein ins Land. Doch nur scheinbar, denn um dieses lieben Friedens willen wird nicht der Ursache für das heftige Zerwürfnis auf den Grund gegangen.

Damit wird eine Chance vergeben, Missbehagen, Missgunst und Missverständnisse offen anzusprechen. In einem Streit wird gegeneinander gekämpft und eine vernünftige Lösung ist dadurch erschwert. Doch dem Ganzen aus dem Weg zu gehen, begründet oft einen kalten Krieg, der Jahre des Lebens vergiften kann.

Die Lösung liegt so gut wie nie im Aussitzen, sondern im Aussprechen, im Auseinandersetzen, im Aushandeln. Hinein und durch ist der schnellere und nachhaltigere Lösungsweg, auch wenn die „Mach alles wieder gut“-Taste trügerisch eine Abkürzung vorgaukelt.

Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben.

Harry Rowohlt (1945 – 2015, Schriftsteller, Übersetzer und Schauspieler)

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Ungehaltene Rede an einen verlorengegangenen Freund

Ihre Eltern verbrachten immer gemeinsam die Sommerferien in Südfrankreich. Sie, die Jungs, waren beste Freunde und teilten die Schulbank, den Sport und viele Geheimnisse miteinander. Doch eines Tages gingen sie im Streit auseinander und hatten sich seitdem nicht mehr gesehen. Jetzt stand ein Urlaubsrevival anlässlich der Goldenen Hochzeit der Eltern an. Wie sollten sie nun einander begegnen?

Es gibt Situationen, in denen man sich wünscht, dass sich vor einem ein großes Loch im Boden auftut, in das man verschwinden könnte. Oder dass man am Morgen aufwacht und das Problem hat sich in Luft aufgelöst. Doch in der Regel ist es unvermeidlich, sich diesen Herausforderungen des Lebens zu stellen, mit all seinem inneren Chaos. Diese Aufgewühltheit wird genährt durch Gefühle wie Trauer, Angst, Ärger, Zorn und Unsicherheit, die alle zur gleichen Zeit da sind. Mal ist der Ärger größer, mal die Trauer, dann wieder die Angst.

In einer solchen Situation kann einen schnell die Sprachlosigkeit befallen. Außer einem „Grmpfl!“ kommt kein klares Wort heraus. Manchmal bricht sich jedoch eines der Gefühle Bahn und dann bin ich nach außen hin ganz wilder Wüterich, dramatischer Deprimierter oder heulender Hoffnungsloser. Alles in allem sind das keine Voraussetzungen, die ein Wiedersehen nach langer Zeit entspannt erscheinen lassen. Zumal ich nicht alleine mit der Situation bin. Auch in meinem Gegenüber geht es, jede Wette, drunter und drüber.

Eine ehrliche Rede – nicht – haltenBevor nun eine Eskalation droht, könnte ich eine Rede verfassen: eine ungehaltene Rede an einen verlorengegangenen Freund. Darin käme vor, was wir erlebt und erlitten haben; was zum Bruch führte; wie ich mich dabei fühlte (war ich traurig, verletzt, enttäuscht, wütend, verlassen?) und was ich von mir halte (bin ich mitschuldig, bin ich im Recht?). Ich würde darüber reden, wie ich meinen Freund sehe, damals und heute: halte ich ihn für schuldig, für ein Opfer der Situation, finde ich ihn undankbar, unzuverlässig oder unersetzlich? Und schließlich würde ich sagen, was ich mir wünsche, denn wie am Schluss jeder guten Rede kommt ein Wunsch: ein Toast auf die Gäste; eine Geste, die in die Zukunft weist.

Diese Rede muss nicht gehalten werden, sollte es vielleicht auch nicht. Sie dient alleine der Selbstklärung, schonungslos, da ist Platz auch für derbe Formulierungen oder weinerliche Passagen. Es gilt: Wahrheit vor Schönheit. Und nach dieser Klärung kann ich viel leichter, viel sortierter, meinem Freund begegnen und sagen, was Sache ist.

Eine unklare Rede ist ein blinder Spiegel.

Japanisches Sprichwort

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Das Rehlein mit den Haifischzähnen

Im Restaurant scherzte sie, lächelte entwaffnend und ließ mit einem charmanten Augenaufschlag den Kellner für sich springen; sekundiert von ihrer Mutter und unterwürfig begleitet von ihrem Freund. Nur der Vater schien gegen immun gegen ihr Erfolgsrezept zu sein. Er fragte sich: „Warum sieht keiner, dass meine Tochter eine Despotin ist?“

Schon Kinder lernen Verhandlungen zu führen, um das zu bekommen, was sie haben möchten. Erfolgreiche Strategien werden vervollkommnet und ins Standardrepertoire aufgenommen. Das geschieht im Spiel mit anderen Kindern und noch intensiver im alltäglichen Kontakt mit den Eltern. Je unterschiedlicher die Übungsszenarien waren, um so vielfältiger ist meine Fähigkeit, auf Umstände und Situationen zu reagieren. So steht am Ende der Jugend idealerweise ein ganzer Fundus von Verhaltens- und Verhandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, um souverän sowie konflikt- und entscheidungsfähig zu sein. Bleiben diese Anregungen aus Argumentieren, Ausprobieren, Erfolg, Misserfolg und Verbesserungsschleifen aus, bin ich eingeschränkt handlungsfähig.

Einsames RehIn der Folge nutzen manche daher die Rehlein-Strategie: „Ich bin klein, ich bin unschuldig, ich brauche Hilfe – Du wirst mir meine Bitte doch nicht ernstlich abschlagen können?“ Natürlich geht das mit der Bambi-Masche auch mal schief. Dann wird mit einem Wimpernschlag aus dem Reh ein Haifisch, der die Zähne bleckt, böse Worte ausspuckt, herablassend wird und zur Strafaktion aus Verweigerung und Forderung nach demütigendem Kniefall greift. Austausch von Argumenten? Verhandlungen über gegenseitige Interessen? Fehlanzeige. Entweder ich bekomme das, was ich will (dann bin ich Zuckerbrot) oder ich werde unangenehm (und nehme die Peitsche). Man würde es dieser anmutigen, eleganten Erscheinung nicht ansehen, mit welcher unerbittlichen Schärfe sie ihren Gegnern zu Leibe gehen kann. Das gibt es natürlich auch bei Männern in der Variante „Sonnyboy mit Wolfsgebiss“.

Doch wie einer solchen Person begegnen?

Man kann sich zum Beispiel die Mühe machen, sich direkt an die Person hinter der Maske zu wenden, also die ganze Show zu ignorieren. Das ermöglicht einen echten ehrlichen Kontakt auf Augenhöhe, von Mensch zu Mensch. Wahrscheinlich ist der Mensch hinter der Maske einsam: In der Jugend beliebt und umschwärmt, aber nicht ehrlich gemocht ↗. Denn auf Dauer macht es Niemandem Spaß, immer dann zu springen, wenn jemand „Spring!“ ruft. Wie gesagt: man könnte sich diese Mühe machen. Oder es einfacher haben und diesen Menschen aus dem Wege gehen. Zurück bleibt vielleicht ein Kind, dessen Reh- und Haifischspiel aus dem Ruder gelaufen ist und sich verselbständigt hat. Und dieser Jemand kommt nun aus der selbstgebauten Falle nicht mehr heraus.

Der Selbstsucht muss man immer verzeihen,
weil keine Hoffnung besteht, sie zu bessern.

Jane Austen (1775 – 1817, britische Schriftstellerin)

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Der Donald Trump in uns

Der Streit zwischen den Eheleuten eskalierte: „Du verhältst Dich wie Donald Trump!“, blaffte sie ihn an. „Für Dich gibt es immer nur schwarz oder weiß!“ Und schwupps! war sie selbst in die Populismus-Falle getappt. Musste das sein?

Kaum ein Abend mit Freunden vergeht, ohne dass „Herr T. aus W.“, der US-amerikanische Präsident also, Teil des Tischgesprächs wird. In der Regel echauffiert man sich über seinen populistischen Stil  und behauptet unisono: „Typisch amerikanisch! Könnte mir nie passieren!“ und ist dabei selbst im Trumpschen Duktus gelandet.

Im Streit gehen die Zwischentöne verlorenAuch bei Streits zwischen Partnern geht es populistisch zur Sache. „Nie beachtest Du mich! Du merkst noch nicht mal, wenn ich beim Friseur war!“. Oder: „Immer nörgelst Du an mir herum! Kann ich nicht einmal meine Ruhe haben?!“ Dazu noch etwas Derbheit wie „Meine besten Jahre habe ich mir Dir dickem Wildschwein verschwendet! Jetzt bin ich dran!“ Fertig ist der Populismus. Seine Kenzeichen: Dramatisierung und Vereinfachung.

Wenn die Emotionen hochkochen, haben wir einen Tunnelblick, der ein klares Freund-Feind-Schema mit sich bringt. Wer sich im Krieg mit dem Scheidungspartner, dem verhassten Kollegen oder „dem System“ wähnt, verteidigt sich aggressiv. Zwischentöne, Grauschattierungen, differenzieren – all‘ das ist – voilà: weibischer Kinderkram.

Doch erst wenn ich merke, dass mein Gegenüber mich und meine Meinung ernst nimmt; darüber nachdenkt, ob ich vielleicht nicht auch Recht haben könnte, bin ich bereit, eine Brücke zur Verständigung in Erwägung zu ziehen. Differenzieren ist der Anfang vom Ende des Populismus. Aus „immer“ wird erst „häufig“ und später „in Situation x und Situation y war es so …“. Aus „nie“ wird irgendwann „genau dann hast Du nicht … und es hätte mir so gut getan.“

Vielleicht hilft es, sich eine Donald Duck Figur zu kaufen und sie beim nächsten Streit in Sichtweite zu platzieren. Damit sie einen daran erinnert, dass man selbst so aufgeregt polemisieren kann wie ihr Namensvetter im Weißen Haus.

Das meiste, was Menschen zu besprechen haben, gewinnt durch Abwarten, Nachdenken und wohl überlegtes Formulieren.

Stefan Schwarz (*1965, Verfasser von Kolumnen, Romanen und Theaterstücken)

 

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Intelligenzfasten? Das werde ich ausprobieren!

Auf einer Feier kam ich ins Gespräch über Fastenpläne. Mit dem Meckerfasten hatte ich gemischte Erfahrungen, da erzählte eine Frau, sie würde „Intelligenz fasten“. Auf meinen ratlosen Blick hin begann sie zu erzählen und meine Miene hellte sich auf. War Intelligenzfasten vielleicht das Rezept gegen meine unnötigen Aufreger?

Seit einigen Wochen hatte ich mir vorgenommen, mich nur noch über Umstände oder Menschen aufzuregen, die mich wirklich tangierten oder die ich ändern kann. Dieses Meckerfasten erwies sich als schwieriger als gedacht. Mir fiel es schwer, mich nicht um Themen zu kümmern, die weit außerhalb meiner Einflusssphäre lagen. Es schien, als würde ich ständig einen unausgesprochenen Appell hören: „Darüber muss man sich doch aufregen!“, frei nach dem Kabarettisten Dieter Hildebrandt „Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt.“

Einfach mal dumm stellenDiese im Raum stehenden Aufforderungen, etwas zu tun, sind eine tückische Sache. Da werden Erwartungen nicht formuliert und gleichzeitig existieren sie – doch oft nur in meinen eigenen Gedanken. Der Satz „Es ist stickig hier im Raum!“, ausgesprochen in einer Gruppe von zehn Menschen, heißt keinesfalls, dass ich jetzt das Fenster öffnen soll. Ich könnte ja mal mein „Appell-Ohr“ schließen – jenes Ohr also, das immer schnell heraushört, wenn ich (angeblich) etwas tun soll ↗.

Hier setzt das Intelligenzfasten an. Auf die Frage: „Wissen Sie, wie man den Papierstau beim Drucker beseitigen kann?“ könnte ich mich zur Abwechslung mal bewusst dumm stellen und antworten: „Nein, weiß ich auch nicht!“, ohne Zusatz von künstlichen Angeboten wie „Ich kann ja mal schauen!“ oder „Ich rufe den IT-Support an.“ Genau dieses Verhalten legte die Frau an den Tag, mit der ich auf der Feier sprach. Am Anfang waren die Kolleg*innen leicht irritiert: Wusste sie nicht immer eine Lösung? Hatte sie sich nicht früher um alles gekümmert? Doch nach einem kurzen Zögern, ob vielleicht doch noch ein Hilfsangebot käme, drehten sie sich um und gingen ihrer Wege. Der positive Effekt: die Frau hatte Zeit gewonnen für ihre eigenen Aufgaben anstatt sich um Fremder Angelegenheiten zu kümmern.

Nächstes Jahr will ich das Intelligenzfasten auch ausprobieren. Und sollte der Drang nach einem Hilfsangebot wirklich groß sein, kann ich es wenigstens in sinnvolle Bahnen lenken, in dem ich frage: „Und was konkret kann ich jetzt für Sie tun?“, anstatt blind zu agieren.

Die Kunst der Weisheit besteht darin, zu wissen, was man übersehen muss.

William James (1842 – 1910, US-Amerikanischer Philosoph)

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Wenn der Chef mit seinen Leuten Tango tanzt

Die Zeiten des Wischi–Waschi–Chefs waren vorbei. Jetzt verstanden ihn seine Mitarbeiter, er gab klare Anweisungen und reagierte aufmerksam auf ihre Probleme. Gefragt nach dem Grund für diesen Wandel sagte er: „Ich tanze seit einem halben Jahr Tango mit meiner Frau!“ Und das soll diese Veränderung ergeben haben?

Auch wenn es Menschen gibt, die das Wort Führungskraft ablehnen (weil kein Mitarbeiter geführt werden wollte), ist es doch in einem arbeitsteilig organisierten Unternehmen klar, dass die Menschen unterschiedliche Aufgaben haben. Manche eher im operativen, ausführenden Bereich. Andere dagegen in der visionären strategischen Planung. Und es braucht diejenigen, die beide Pole miteinander verbinden: die klassische Sandwich-Führungskraft. Unten die operative Basis, oben die visionäre Führung, sie im Doppeldruck dazwischen.

Was ist einfacher, als diesem Druck wie eine Bandscheibe durch ein gelartiges Verhalten auszuweichen? Arbeitsaufgaben werden zum Beispiel mit einem „Wir sollten …“ übergeben. Dabei ist nicht klar: ist das ein „Sie–Wir“ (Untergebene/r führt aus), „Ich–Wir“ (Chef übernimmt selbst) oder „Wir–Wir“ (Chef und Mitarbeiter gemeinsam). „Was genau will jetzt der Chef von mir?“ lautet die meistgestellte Frage bei solchen Führungskräften.

Gemeinsam mit klarem ZielBeim Tango kam der Chef mit dieser Art nicht weit. Er stolperte mit seiner Frau über das Parkett, rempelte andere Paare an und von Eleganz keine Spur. Sie drohte ihn stehen zu lassen, denn im Tango sind, noch mehr als bei anderen Tänzen, die Rollen klar verteilt. Die führende Person (bei Hetero-Paaren der Mann) gibt klare Signale, die tanzende Person setzt die Signale in Schritte um. Im besten Fall kann das die geführte Person mit geschlossenen Augen, weil die Führung so klar ist.

Also lernte der Chef beim FührungsTango ↗, was es hieß, ein klares Ziel zu haben (Bewegung im Raum), wie er dahin kommt (die Figuren auf diesem Weg), wie er das vermitteln muss (präzise, kraftvoll, einfühlsam) und welche Freude es geben kann, wenn man gemeinsam etwas erreicht. Er lernte im Kurs auch, dass seine Signale von jeder seiner Tanzpartnerinnen anders interpretiert wurden und er sich also auf jede Person individuell einstellen muss.

Im Büro dann tanzte er innerlich einfach weiter und endlich war die lang geforderte Leadership-Qualität da. Dass seine Chefs ihn nun auch neu wahrnahmen, tat seiner Karriere übrigens keinen Abbruch.

Es gehört mehr zum Tanz als rote Schuh’.

Sprichwort

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Alles so fremd hier im neuen Job

Nach dem Umzug war er seit ein paar Tagen in der neuen Firma und fremdelte noch sehr. Er konnte sich kaum die neuen Kollegen merken und zu Hause brachte er beim Erzählen alles durcheinander. Sein fünfjähriger Sohn hatte sich schon im Kindergarten eingelebt und beschrieb seine Spielkameraden so lebendig, als würden sie vor einem stehen. Wie schaffte der Steppke die Eingewöhnung nur so gut und er trotz all seiner Erfahrung nicht?

Lebendiges ErzählenWer in eine neue oder ungewohnte Umgebung kommt, ist orientierungslos. Die neuen Eindrücke werden daher systematisch nach Bekanntem untersucht und eingeordnet. Der Vater klassifiziert dabei die Menschen, denen er begegnet, nach Herkunft, Geschlecht und Funktionen; spricht von Namen, Titeln und Hierarchiestufen. Dabei bleiben die Persönlichkeiten merkwürdig blass. Der Sohn erzählt von dem Mädchen, das viel lacht oder dem mit den weichen Händen und vom Jungen, mit dem er viel Quatsch machen kann. Dass das eine Mädchen schwerst mehrfach behindert ist und das andere aus Nigeria stammt, der Junge kein Wort Deutsch spricht, ist ihm unwichtig. Das erfahren die Eltern erst beim Elternabend.

In weniger als einer Sekunde entscheiden wir, ob wir eine zuvor noch nie gesehene Person für vertrauenswürdig halten oder nicht – so die US-amerikanischen Psychologen Janine Willis und Alexander Todorov. Ohne dass er oder sie etwas sagen muss oder man seine bzw. ihre Stelle im Systemgefüge kennt. Der Gang fällt auf, die Stimme, die Haltung, der Gesichtsausdruck, eventuell der Händedruck – und das bestimmt den Zugang zum Anderen. Unbewusst leitet das mein Handeln, doch wenn ich mir Zeit nehme, in mir forsche, kann ich die Gründe für meine Sympathie bzw. Antipathie beschreiben.

Im Laufe des Erwachsenwerdens kann die Fähigkeit oder der Mut verloren gehen, diese prägenden Einflussfaktoren zu benennen und zu erzählen. Vielleicht nehme ich mir auch nicht mehr die Zeit für das Nachforschen. Und so kann es passieren, dass ich einen wichtigen Teil des Zugangs zum mir Fremden ungenutzt lasse.

Ich freue mich über jede neue Entdeckung, auch wenn sie meine Theorie widerlegt.

Albert Einstein (1879 – 1955, Physiker)

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Vom Reden und Zuhören in Paarbeziehungen

Das Paar war schon lange zusammen, doch sie fühlten sich mehr als Haushaltskollegen denn als Liebende. Es gab so wenig Begegnung und Austausch miteinander. Sie sagten sich „Man müsste mal wieder so richtig miteinander reden!“ Doch – wie geht das eigentlich?

Reden und Zuhören im WechselspielMenschen in langen Beziehungen scheinen alles voneinander zu kennen. Der Anfang war eine stürmische Entdeckungsreise gewesen: körperlich, seelisch, geistig. Nach drei, vier Jahren läuft alles wie geschmiert und die Urlaube sind kleine Höhepunkte in der Alltagsroutine. Gerade dann passiert es: Beim Abendessen auf der Hotelterrasse, die Sonne geht gerade am Horizont unter, bricht das große Schweigen aus. Sie haben sich nichts mehr zu sagen. Ein peinlicher Moment, in dem Langeweile und Desinteresse offenbar werden.

Das ist sehr bedauerlich, denn beide Partner entwickeln sich beständig in ihrer Persönlichkeit weiter, fassen neue Gedanken, entdecken Wünsche und schmieden Ideen. Nur teilen sie das einander nicht mehr mit. Denn beim Miteinander-reden gibt es zwei gänzlich unterschiedliche Herausforderungen, die sich als Hemmschuh erweisen: von sich selbst zu erzählen bzw. dem anderen zuzuhören.

Der Psychoanalytiker und Professor für Seelische Gesundheit Michael Lukas Moeller nannte es „Zwiegespräch“ ↗, wenn sich zwei Menschen einander beispielsweise fünf Minuten öffnen und zuhören. Fünf Minuten lang von sich selbst, seinen Gedanken, Gefühlen und Wünschen zu erzählen, setzt manche Menschen so unter Druck, dass sie am liebsten vor dem Gespräch flüchten würden. Für andere Menschen ist das Zuhören schwierig. Fünf Minuten lang aushalten, was erzählt wird, ohne zu widersprechen, zu kommentieren oder Ratschläge zu geben.

Wenn ich nach dem Zuhören erst mit meinen eigenen Worten wiederhole, was ich gehört und verstanden habe, kann ich überprüfen, was wirklich bei mir angekommen ist und ob es das ist, was mein Gegenüber sagen wollte. Dieses „Aktive Zuhören“ verlangsamt das Gespräch, doch die Mühe lohnt sich: mein Gegenüber bekommt mit, dass ich wirklich aufmerksam für ihre/seine Innenwelt bin. (Eine kurze prägnante Demonstration aktiven Zuhörens gibt es diesem Youtube-Video ↗)

Ein Versuch ist es wert, damit aus Kollegen im Haushalt wieder ein echtes Paar im gemeinsamen Zuhause werden kann.

Wenn du dich schon alleine langweilst – was glaubst du, wie ich mich mit dir fühle?

Tischgespräch in der „Barcetta zum Storchen“

 

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Einschreiten, bevor es zu spät ist

Der Firmenumzug war nicht mehr als ein Gerücht und die Umsetzung in weiter Ferne. Doch der Sachbearbeiter hatte, aus angeblich gut informierten Quellen, stets neue Fakten parat. Die verknüpfte er wild nach dem Motto „Je oller, destojewski“ zu Zusammenhängen, die es gar nicht gab. Der Abteilungsleiter hielt sich mit Kommentaren zurück. Schließlich gab es bisher keinerlei Fakten und das würde die Gerüchteküche schnell austrocknen lassen. Ist doch so, oder?

Aus einer Mücke kann ein Elefant werdenDer Arbeitsplatz ist ein Ort, an dem Viele mehr ihrer wachen Zeit verbringen als zu Hause mit der Familie. Deshalb haben Änderungen dieser Umgebung für Menschen mit einem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis eine große persönliche Auswirkung. Wer wird mit wem zusammen sitzen? Wie ist das Licht, die Luft, der Lärm am neuen Platz? Werde ich gar einen eigenen Platz haben? Man hört doch schließlich immer wieder von diesen „Desksharing“-Büros ↗, wo sich jeder morgens seinen Rollcontainer schnappt und ihn zu einem beliebigen freien Platz hin rollt.

Bei Führungskräften finden sich oft Menschen, die faktenbasiert entscheiden und die ein hohes Maß an Unabhängigkeit aushalten. Für die sind „ungelegte Eier“ nicht der Rede wert. Leider neigt man dazu, die eigene Weltsicht auch beim Gegenüber anzunehmen: „So wie ich das sehe, ist es doch richtig und vernünftig. Das muss mein Gegenüber doch auch so sehen wie ich.“

Bei Menschen, die dauerhafte Strukturen in ihrem Leben brauchen, führt der Mangel an Informationen nicht dazu, dass sie weniger darüber reden, was ihnen bevor steht, sondern sie reden umso mehr, je weniger sie gewiss sind. Sie lechzen förmlich nach Faktenhappen. Die sie dann interpretieren und ausschmücken, damit sie größer werden und ihren Informationshunger stillen können. Und so werden Mücken zu Elefanten und am Ende lassen sich Gerüchte nicht mehr einfangen.

Auch wenn es wenig Informationen über so etwas Wichtiges wie einen Büroumzug gibt, lohnt es sich, das Thema regelmäßig anzusprechen. Das nimmt die Sorgen und Bedürfnisse der Menschen ernst, denen Veränderungen mehr Angst als Freude machen und stillt deren Bedürfnis nach Velässlichkeit.

Optimisten sind schlecht informierte Pessimisten

Aus dem Film „Der Himmel soll warten“

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