Wer sagt schon, wie es einem wirklich geht

In der Sitzung der Geschäftsführung ging es wie immer um Umsatzziele, Lieferprobleme und Reduzierung von Kosten. Als ein Mitglied dann den Krieg in der Ukraine ansprach und einige Tränen fließen ließ, trat betretenes Schweigen ein. Und manche dachten: „Gehört das nun wirklich hierher?“

Professionelles Verhalten in Zeiten eines nahen Krieges nach zwei Jahren Leben mit einer globalen Pandemie und einer verheerenden Flutkatastrophe letzten Sommer kann sehr unterschiedlich aussehen. Alle versuchen, so weit wie möglich arbeitsfähig zu bleiben, damit notwendige Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden. Niemandem ist offiziell daran gelegen, einfach aus allem auszusteigen und sich ganz den eigenen Bedürfnissen zu widmen.

Doch tief im Innern fühlen viele Menschen eine große Erschöpfung und Überforderung. Das Bedürfnis nach erholsamem Schlaf ermisst sich für manche weniger in Stunden als in Wochen und die Ratlosigkeit raubt so manchem den letzten Nerv. Im Job gilt es zu performen, also Leistung zu bringen; in der Familie ist Stabilisierung angesagt, für die Kinder, die Partner, die Eltern. Also: Zähne zusammenbeißen und durch!

So wird manchmal Stärke gezeigt, auch wenn sie nicht vorhanden ist. Bricht ein Mensch die Konventionen und zeigt die eigene Verletzlichkeit, Erschütterung oder gar Angst, wird schnell ein Becher Schlagsahne über alles gegossen: „Uns geht es doch ganz gut …“, „Wir haben viel erreicht …“, „Wir können noch mehr erreichen …“ Es gilt der Dreisatz: „Weiter – höher – schneller“. Bitte nicht „Stop – langsamer – zurück“ sagen, das bringt mühsam errichtete Gebäude der Selbsttäuschung ins Wanken.

Erschöpfung im März 2022

Dabei ist es verquer, so zu tun, als hätten wir alles im Griff. Das entspricht weder der Realität noch ist es authentisch. Ein stimmiges Verhalten, das sowohl mir selbst gemäß ist als auch der Situation angemessen ist, würde auch das Äußern von Zweifeln und Ratlosigkeit erlauben. Manche finden das daneben, weil es gerade im Arbeitskontext keinen Platz hätte. Alle mögen sich doch bitte anpassen, also eigene Bedürfnisse hintenanstellen.

Diejenigen, die den Krieg und die damit einhergehenden Belastungen übertünchen, verlieren meiner Meinung nach den Kontakt zum Gegenüber. Wer in der aktuellen Situation angemessen authentisch ist, kann Menschen wirklich erreichen. Ob Tränen dazu gehören, soll allein die Person entscheiden, die sie in sich aufsteigen fühlt.

Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt.

Dieter Hildebrandt, (1927 – 2013, deutscher Kabarettist)

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Damit wir uns im Sommer noch in die Augen schauen können

Nach fast zwei Jahren Corona machte er sich Hoffnung auf einen entspannten Sommer. Endlich wieder alte Freunde treffen, feiern gehen und das Virus einfach mal vergessen. Doch er zweifelte: würden sie sich nur als Gegner in Corona-Meinungen begegnen?

Die Pandemie hat in den letzten zwei Jahren nahezu jedes Gespräch bestimmt. Selten kam ein Telefonat oder Treffen ohne Erwähnung des Virus‘ aus. Gefahren und Gegenmaßnahmen wurden teilweise erbittert diskutiert und so manche Freundschaft, manch kollegiale Beziehung zerbrach am unterschiedlichen Umgang mit dem Virus. Plötzlich war die alte Freundin nur noch die Corona-Leugnerin oder ein Schlafschaf, gegenseitig sprachen sich Menschen Sinn und Verstand ab. Die Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas, allenthalben beklagt, hatte im privaten Umfeld ihren Ursprung.

Menschen begegnen sich, nicht VirenJetzt gibt es mehr Hoffnungen als je zuvor, dass „das Schlimmste“ vorbei sei und wir „bald“ wieder ein „normales“ Leben führen können. Doch wie sollen wir einander dann begegnen: sehen wir im Gegenüber noch immer nur das Virus? Oder schaffen wir es, die Differenzen zu überwinden und im Gegenüber einfach einen Menschen zu sehen, die/der den eigenen Weg gegangen ist, mit der Pandemie umzugehen?

Wie ich mich verhalte, hängt davon ab, ob ich mich in einem dunklen Tunnel wähne, ob ich mich hinter Glaswänden fühle, mich abgehängt von der Gesellschaft sehe oder wie verbunden ich mit Menschen bin. Welche Ängste mich lähmten, welche Erfahrungen mich verbitterten, welche Freuden ich erlebte und welche Unterstützung ich bekam.

Wenn wir uns im Sommer wieder begegnen wollen, sollten wir meiner Meinung nach jetzt beginnen, Brücken zu bauen. An einem Beispiel möchte ich das erläutern: Ich versuche eine Freundin nicht zu überreden, ihre Ängste vor einer Impfung über Bord zu werfen; sondern ich akzeptiere ihre Entscheidung und frage empathisch, wie es ihr geht. So wie sie mich in meiner positiven Haltung zu einer Impfung akzeptiert und mich emphatisch fragt, wie es mir geht. Uns beiden ist wichtig, dass wir weiterhin befreundet sind, denn das Leben ist mehr als ein Virus. Wir freuen uns schon richtig auf ein Wiedersehen.

Gleichzeitig kann es Verletzungen gegeben haben, die einen weiteren Kontakt zwischen ehemaligen Freund*innen unmöglich machen. Vielleicht war Corona nur der Auslöser für den Bruch oder hat ihn beschleunigt. Gut möglich, dass unter der Viruslast eine instabile Grundlage für die Freundschaft vollends zerbrach. Auch jetzt ist die/der andere immer noch ein Mensch, die/der als solcher wertgeschätzt werden will.

Der Andersdenkende ist kein Idiot,
er hat sich eben eine andere Wirklichkeit konstruiert.

Paul Watzlawik (1921-2007, Kommunikations-Wissenschaftler, Psychotherapeut, Autor und Philosoph)

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Durchhalten mit dem Disziplinator und dank aciziyet

Grau und trübe ist der November und wie das Wetter, so die Stimmung. Wieder einmal jagen die Corona-Werte neue Höchststände und verschärfte Abstandsregeln werden erlassen. Gleichzeitig sollen alle Aufgaben auf der Arbeit termingerecht erledigt werden. Doch wie soll er bei alledem jetzt durchhalten?

Im Laufe der letzten Wochen habe ich einen Anteil in mir entdeckt, der eine brutale Freude daran hat, Aufgabe für Aufgabe abzuarbeiten. Nein, nicht wirklich abzuarbeiten, viel mehr: abzuschießen. Final zu erledigen. Er vereint Disziplin mit dem Habitus (Haltung und äußerliche Erscheinung) von Arnold Schwarzeneggers Filmrolle „Terminator“. Daher sein Name: Disziplinator. Mit einem „Hasta la vista, baby!“ bearbeitet er eine Mail und schießt sie dann mit seinem Gewehr ab: „Wumm!“ Die Präsentation ist fertig: „Hasta la vista, baby!“ Wumm! Die vierstündige Abteilungssitzung? Wumm! Am Ende des Tages pflastern erledigte Aufgaben seinen Weg. Dann setzt er sich auf sein Motorrad und fährt in den Sonnenuntergang, eine ordentliche Auspuffwolke hinter sich herziehend. Es ist unglaublich, was der Disziplinator gewuppt bekommt.

Was dieser Wegschaffer partout (also überhaupt) nicht ausstehen kann, sind Motivationssätze wie „Wir sind alle eine große Familie. Deshalb ist auch diese Herausforderung eine Chance und wir werden sie gemeinsam meistern.“ Seine Antwort darauf: Wumm! Hier geht es nicht um Spaß bei der Arbeit, sondern um durchkommen, es geht um‘s Überleben. Denn im Angesicht der kommenden Wochen ist es nicht mit Spaß getan. Den hat einfach keiner mehr. Keine Eltern schulpflichtiger Sprösslinge, keine Pflegekräfte in Krankenhäusern, keine Kulturschaffenden im Angesicht der drohenden Privatinsolvenz.

Wie es innen zugeht wird außen nicht gezeigt

Allerdings ist der Disziplinator im Außenkontakt, sagen wir, etwas zu robust. Da braucht es eine geschmeidigere Darstellung. Die sollte aber weder nörgelnd sein noch schleimig die Realitäten verkennen. Kübra Gümüşay beschreibt die notwendige Einstellung so: „Die Welt von unten zu betrachten. Von ganz unten. Machlosigkeit und Kraftlosigkeit zu spüren, die Abwesenheit von Möglichkeiten, die Unerreichbarkeit von Dingen zu spüren – und auszuhalten.“ Das ist nicht negativ gemeint, sondern eine Form der Freiheit: „Das besonnene Wahrnehmen einer Situation, der ein Mensch ausgesetzt ist. Eine emanzipierte Akzeptanz der Umstände des Lebens. Keine demütigende Unterlegenheit, sondern respektvolle Achtung.“ Viel Worte im Deutschen, für das im Türkischen eines reicht: aciziyet.

Wenn ich aciziyet mit dem Diszlipinator verbinde, habe ich zwei Handlungsmöglichkeiten, zwei Optionen, um dem drohenden Dauerfrust der kommenden Wochen zu entkommen.

Trübsal blasen wir wohl alle mitunter, aber Konzerte damit zu geben, ist nicht empfehlenswert.

Aus dem Roman „Wellen“ von Eduard von Keyserling (1855-1918)

Die Zitate von Kübra Gümüşay sind dem Buch „Sprache und Sein“, erschienen 2020 im Hanser-Verlag, auf den Seiten 23 und 24 entnommen.

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Den Fehdehandschuh (nicht) werfen

Das Projekt war kurz vor dem Scheitern und er erläuterte im Abteilungsmeeting die Gründe. Seine Chefin rollte dabei mit den Augen. Sofort schaltete er auf Angriff um. „Sie brauchen das gar nicht ins Lächerliche zu ziehen!“ blaffte er sie an, vor versammelter Mannschaft. Nimmt sie seinen Fehdehandschuh auf?

Jeden Tag treffen wir zahllose Entscheidungen, von „Soll ich aufstehen oder weiterschlafen?“ am Morgen über „Schnitzel mit Pommes oder lieber doch die Maultaschen?“ zum Mittagessen bis hin zum abendlichen „Noch ein Bierchen?“ Bei vielen diesen Entscheidungen lauert kein Konflikt, doch wo Menschen zusammenarbeiten, menschelt es. Daher müssen wir auch im Umgang miteinander schnell entscheiden, wie wir uns verhalten und so können an sich harmlose Konflikte eskalieren.

Ein Konflikt an und für sich ist nichts Schlechtes, beschreibt er doch nur eine Situation, in der gegensätzliche Interessen auftreten. Ob es zur Eskalation kommt, oder im Gegenteil zu einem Kompromiss und vielleicht gar einer Kooperation, hängt stark davon ab, wie sich die Konfliktparteien jeweils verhalten. Oft lohnt ein zweiter Blick, um die wahren Interessen der Beteiligten auszuloten.

Auf dem Weg zur Eskalation kann man auch abbiegen und umkehrenMeist liegen nur wenige Informationen vor, auf deren Basis in solchen Situationen entschieden wird. Reagiert wird nach dem ersten Eindruck, wie im Beispiel am Anfang: Der Mitarbeiter bemerkt das Augenrollen und reagiert in Sekundenbruchteilen mit einer Gegenattacke. Denn er fühlt sich angegriffen und in seiner misslichen Lage nicht gesehen. Er muss das Scheitern des Projektes verkünden, obwohl er es nicht zu verantworten hat.

Im Mittelalter haben Ritter dem Gegner als Zeichen der Herausforderung zum Kampf einen Handschuh vor die Füße geworfen, den der Betroffene bei Annahme der Herausforderung aufhob (Quelle: Duden Universalwörterbuch). Nimmt die Chefin den Fehdehandschuh auf, wird die Eskalationsspirale in Gang gesetzt. Im Gegensatz zum Mittelalter kann sie den feindseligen Ton des Mitarbeiters aber „überhören“, ohne als Feigling dazustehen. Sie könnte zum Beispiel so reagieren: „Ja, ich rolle die Augen, aber nicht wegen Ihnen, sondern weil ich das Scheitern schon befürchtet habe und es mich ärgert. Wie geht es Ihnen damit?“

Auch der Mitarbeiter hätte statt des Angriffs den Weg des Erklärens nehmen können: „Ich sehe, Sie rollen mit den Augen. Warum machen Sie das?“ (ohne angriffslustigen Unterton). Das gibt der Chefin die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Und siehe da: vielleicht ist gar keine Eskalation notwendig, weil sich die Dinge mit ein wenig Zeit, ein wenig Offenheit, klären lassen. Denn Eskalation lebt von der Steigerung der Geschwindigkeit, De-Eskalation kommt mit Verlangsamung.

Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch ist.

Berthold Brecht (1898 – 1965, Schriftsteller und Regisseur)

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Ach wie schön wäre Laber-Fasten

Die Gruppendiskussion im Videochat dauerte schon ewig. Die ganze Zeit sprachen alle, doch niemand nahm Bezug auf jemand anderes. Das versammelte Fachwissen wurde nicht abgefragt, um eine Lösung zu finden. Aber alle hatten etwas Wichtiges zu sagen. Er fragte sich: Ist das hier der Wettbewerb „Extrem-Quasseln 2021“?

Vor einigen Jahren habe ich „Läster-Fasten“ gemacht. Ich habe mir zwischen Aschermittwoch und Ostern das Lästern verkniffen und merkte dabei, wie viele Gespräche Lästereien enthalten. Gerade auf der Arbeit. Die Fastenwirkung hält bis heute an. Es ist meine erfolgreichste Diät geworden (Weit weniger erfolgreich war ich mit Wein-, Schokolade- oder Kaffeefasten gewesen). Sie verhindert oft genug, dass ich mich innerlich vergifte, weil ich mir über andere „das Maul zerreiße“.

Daran dachte ich, als ich mich immer mal wieder dabei ertappte, wie ich in Gesprächsgruppen „einen raushaue“, dass ich etwas sage um des Sagens willen: Hauptsache, was gesagt nach dem Motto „Hallo, hier, Aufmerksamkeit, ich!“ Das trägt weder zum Gespräch noch zur Lösung noch zu meiner Zufriedenheit bei.

In der autoritär geprägten Vergangenheit gab es eine klare Gesprächshierarchie: Eltern brachten mit dem Satz „Sprich nur, wenn Du gefragt wirst!“ die Kinder zum Schweigen, während sie sich selbst nicht daran hielten sondern ständig redeten, nur um auch etwas gesagt zu haben. Auch fielen sie einander ins Wort und „stellten die Sache jetzt mal richtig dar“. Gerade bei Familienfeiern.

Wie gerne würde ich all jenen „Sprich nur, wenn Du gefragt wirst“ zurufen, die sich berufen fühlen, sachfremd zu allem und jedem ein Expertenstatement abzugeben: Kinderlose, die über Familienalltag in Pandemiezeiten referieren. Sportler, die über Virusmutationen fachsimpeln. Privilegierte, die Alltagsdiskriminierung definieren. Denn wie heißt so schön ein Sprichwort: „Schuster, bleib bei Deinen Leisten“.

Einem Dauerredner den Strom abstellen

Kann ich diesen Quasselmaschinen den Stecker ziehen? Am besten, ich fange gleich bei mir an, anstatt darauf zu warten, dass sich Andere ändern. Hier also meine Fastenanleitung:

  1. Wird meine Meinung überhaupt gefragt? Was ist der Gesprächsrahmen? Geht es wirklich um einen Austausch von Standpunkten mit dem Ziel, eine bessere Lösung zu finden? Oder geht es in Wahrheit nur darum, eine getroffene Entscheidung oder eine feststehende Meinung zur Kenntnis zu nehmen?
  2. Wie wichtig ist mir das Thema überhaupt? Betrifft mich der diskutierte Sachverhalt? Sind meine Grundwerte berührt oder kann ich irgendetwas an der Situation beeinflussen?
  3. Weiß ich, was meine Position ist? Weiß ich, was ich sagen will? Kann ich meine Meinung stark und doch für Andere annehmbar vertreten?

Folge ich diesen Leitfragen, wehre ich auch eine Gefahr ab: dass ich überhaupt nicht mehr zu Wort komme. Ich möchte gerne vermeiden, dass Andere von mir sagen: „Er spricht viel, hat zu allem eine Meinung aber nichts wirklich zu sagen“. Mir persönlich ist es lieber, wenn sie denken „Er spricht wenig. Was er sagt, hat aber Hand und Fuß.“

Mit Gelassenheit feststellen, dass man niemals einen Nobelpreis bekommen wird

Kalenderblatt vom 20. Februar 2021 „Liebeserklärungen an den Alltag“

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Vom Versagen im entscheidenden Augenblick

Er hatte scheinbar keinen besonders guten Tag erwischt, während der eine Mitbewerber die Rede seines Lebens hielt und der dritte Kandidat trotz offensichtlich aufgeregt flatternder Stimme mehr Unterstützung bei der Wahl bekam als erwartet. Warum nur hatte er den sicher geglaubten Sieg verpasst?

In den letzten Tagen wurde viel darüber spekuliert, warum Friedrich Merz erneut bei einer entscheidenden Rede nicht die Leistung erbrachte, die viele von ihm kannten und erwarteten. Und deshalb bei der Wahl für ein hohes Amt wieder unterlegen war. Was ihn jedoch nicht daran hinderte, direkt im Nachgang einen Ministerposten zu fordern. Manch eine/r fühlte sich dabei vielleicht an ein lamentierendes Kind erinnert, das sein Eis nicht bekommen hat.

Einige haben das als „Chuzpe“ bezeichnet. Chuzpe ist aus dem Jiddischen entlehnt und bezeichnet eine Dreistigkeit oder Frechheit. Ich bezeichne diese Forderung als „Hybris“: als Übermut oder Selbstüberschätzung. Die zeigte sich auch in der Rede, gerade weil sie ohne Erfolg war. Menschen wie Friedrich Merz werden gemeinhin als strotzend vor Selbstbewusstsein bis über die Schmerzgrenze hinaus beschrieben. Ein solcher Mensch zeigt und hat keine Schwächen. Punkt. Genau das wollen sie uns glauben machen, um zu verbergen, dass es natürlich auch bei ihnen innere Kritiker gibt. Dass auch sie Selbstzweifel haben und dass auch sie auf die Zuneigung von anderen Menschen angewiesen sind. So wie jeder andere Mensch auch.

Ein Mensch stolpert über ein gestelltes BeinDieses nach außen übersteigerte Selbstbewusstsein kaschiert eine innere Sehnsucht nach Anerkennung, wo immer die auch herkommen mag. Die Spekulationen darüber überlasse ich den Psychologen. Als Coach betrachte ich die Auswirkungen im Hier und Jetzt, auch aus eigener Erfahrung: denn so etwas ist mir schon selbst passiert. Und da zeigte sich, dass in entscheidenden Momenten „die Nerven flattern“ und der souveräne Umgang mit sich selbst nicht so recht gelingen mag.

Ich möchte das an einem Beispiel einer meiner Coaching-Ausbilderinnen erläutern. Sie hatte vor etlichen Jahren einen Auftritt vor großem Publikum. Sie hatte souverän alles Wissen parat und war perfekt vorbereitet. Damals wurde mit Overheadfolien gearbeitet und wer alt genug ist, sich an dieses Medium zu erinnern, kennt auch den Klassiker in solchen Situationen: die glatten Folien rutschten ihr allesamt aus der Hand. Also musste sie sich coram publico (vor allen Leuten) hinknien und alle Folien aufsammeln und sortieren. Eine sehr peinliche Szene, die ihre Kompetenz als Trainerin geradezu karikierte.

Doch sie nahm genau das als Anlass, ihre volle Souveränität zu zeigen. Sie hielt beim Sortieren inne, schaute zum Publikum und sagte: „Sie fragen sich bestimmt, wie diese Trainerin Ihnen was beibringen soll, wenn sie noch nicht einmal ihre Folien in der Hand halten kann?“ Damit hatte sie die Zuhörenden auf ihrer Seite. Denn sie zeigte eine sogenannte Souveränität zweiter Ordnung ↗, weil sie nicht nur fachlich versiert war, sondern ihren Lapsus thematisierte. Dazu braucht es nicht nur das Wissen um die eigene Fehlbarkeit, sondern auch deren Akzeptieren und Integration. Fehler brechen da keinen Zacken mehr aus der Krone.

Und genau daran scheint es Menschen wie Friedrich Merz zu mangeln. Die inneren Anteile, die um die eigene Fehlbarkeit wissen, werden konsequent eingesperrt und mundtot gemacht. Doch im Untergrund rebellieren sie. Mit der Folge, dass sie immer mal wieder ihrem Menschen ein Bein stellen, wenn der oder sie eigentlich souverän sein will. Geht es im entscheidenden Moment daneben, gibt das gekränkte Ego gerne anderen die Schuld oder lenkt ab, fordert, provoziert, um mehr Stärke vorzugeben, als vorhanden ist.

Wer kennt sie nicht – die Leute, die sich immer vordrängen und doch nie vorn sind.

Johannes Gross (1932-1999, deutscher Journalist und Verleger)

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Jahreswechsel auf den Wir-Inseln

Wenn ich das Wort des Jahres küren dürfte, wäre es nicht das C-Wort, das nahezu alle Nachrichten bestimmt hat. Meine Wahl fiele auf „Wir“, denn es hat ganz vielfältige Bedeutungen, wie sich 2020 besonders zeigte. Auf den ersten Blick ist es ein sehr verbindendes Wort, „wir“ umarmt geradezu die sprechende Person mit den Zuhörenden. Es drückt Solidarität aus, Gemeinsinn, Füreinander einstehen und da-sein. Zusammen (sind wir stark), Gemeinsam (schaffen wir das), Gemeinschaft (Schicksalsgemeinschaft) sind Synonyme und der Sinn ist, sich zusammenzuschweißen gegen einen gemeinsamen Gegner, manchmal auch Feind.

Menschen tanzen gemeinsam einen Reigen

Womit ich beim ausschließenden Aspekt von „Wir“ bin. „Wir und die anderen“, „Wir gegen die“, „Wir hier die Vernünftigen, dort die Unvernünftigen“. Jedes „Wir“ bringt scheinbar automatisch auch einen Gegensatz, ein Gegenüber, eben einen Gegner mit ins Spiel. Es gibt also mehrere Gruppen von „Wir“, die sich selbstverständlich jeweils als besser darstellen als die anderen es je sein können. „Wir sind solidarisch und tragen Maske“ und gleichzeitig „Wir sind solidarisch und wehren uns gegen Fremdbestimmung“ – beide Seiten können aus ihrer Sicht zu Recht das Wort „Wir“ im Munde führen.

Beliebt waren 2020 Sätze, die mit „Wir“ beginnen. Dabei ist oft nicht klargeworden, wer mit „Wir“ eigentlich gemeint ist. Ein Beispiel: ein Mensch kommt zum Arzt/ zur Ärztin und wird begrüßt mit den Worten „Na, was haben wir denn?“ Korrekte Antwort wäre „Ich weiß nicht, was Sie haben, aber ich habe Rückenschmerzen.“ Denn das vom Arzt/ der Ärztin gebrauchte „Wir“ ist in meiner Wortwelt ein „Du-Wir“. Gemeint waren nicht beide, sondern die angesprochene Person, die/der Patient/in.

Sie sind genervt von den Doppelnennungen? Das generische Maskulinum (also die Verwendung von rein männlichen Bezeichnungen) meint angeblich Personen aller Geschlechter und schließe daher auch immer Frauen mit ein, ist also ein gedachtes „Wir“. Dass dies nicht ganz so stimmt, wurde deutlich, als 2020 in einem Gesetzentwurf ausschließlich die weibliche Anredeform benutzt und diesem generischen Femininum ein Ausschluss der Männer vorgehalten wurde.

Doch zurück zum Arztbesuch. Nun folgt die Untersuchung, eingeleitet mit den Worten „Na, dann schauen wir mal.“ Wer nun aber wirklich schaut, ist die Ärztin, das „wir“ ist daher ein „Ich-Wir“. Anschließend gibt es ein Rezept für Krankengymnastik und dann folgt der Abschied mit „Wir sehen uns danach wieder und besprechen, wie der Erfolg war.“ Ah, endlich ein echtes „Wir“, ein „Wir-Wir“ das nur in der gemeinsamen Auslegung Sinn macht.

Das finden Sie alles etwas übertrieben? Betrachten Sie doch einmal Alltagsdiskussionen bei häuslichen Gemeinschaften. „Wir müssten mal wieder einkaufen / aufräumen / putzen / kochen“ und beobachten Sie, wer anschließend aktiv wird. In der Regel die Person mit dem höchsten Leidensdruck und selten ist es ein Gemeinschaftswerk. Dreckige WG-Küchen, leere Vorratsschränke und nicht vorzeigbare Waschräume sind gar nicht mal so selten. Selbstorganisierte Teams scheitern oft daran, bei einem „Wir“ die Zuständigkeiten klar zu benennen.

Verschärfend kommt hinzu, dass bei „Wir müssten“ ein Konjunktiv enthalten ist und bei „Wir müssen“ der Zwang mit ins Spiel kommt. Müssen will niemand. Die Motivation, die mit diesem Wort ausgelöst wird, tendiert gegen Null. Kein Mensch wird gerne gezwungen und Konjunktive reden von (Ausweich-)Möglichkeiten. Unzählige Sätze zur Ermahnung fingen in diesem Jahr mit „Wir müssen“ oder „Wir müssten“ an und dann folgten Ratschläge, Anweisungen, Bitten. Die Wirkung dieser Reden war … oftmals bescheiden. Kein Wunder, denn diese Formulierung macht es sehr einfach, sie nicht auf sich selbst zu beziehen.

Die Interpretation der Beschwerde „Aber darüber hatten wir doch gesprochen“ bzw. „Aber das hatten wir doch vereinbart“ überlasse ich Ihnen: wer hat da was besprochen, wer hat da was vereinbart – oder eben auch nicht.

Ein anderer Gegensatz zu „Wir“ ist „Ich“. Auch das gab es im Jahr 2020 in neuen Formen. FreundInnen schlossen sich zu virtuellen Hausgemeinschaften zusammen, um im sogenannten Lockdown nicht alleine zu bleiben. Manche zogen sich in ein Schneckenhaus zurück (nicht immer freiwillig), propagierten eine neue Häuslichkeit oder erfanden den Neo-Biedermeier. Leider gab es auch die sozial unverträgliche Ich-Variante und so hoffe ich, dass das folgende Zitat im Jahr 2021 wenig Nachahmer findet:

Es kann enorm befreiend sein, sich von den Fesseln der Vernunft zu lösen und seine ganz eigenen physikalischen Regeln festzulegen. Gut ist, was Spaß macht und dem Einzelnen nutzt – jetzt.

Nicola Abé (Redakteurin des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ in einem Text)

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Der Nordkoreaner in mir

Er sollte eine 3-minütige Präsentation vorbereiten: „Wie motiviert mich jetzt im Homeoffice unsere Firmenphilosophie Innovation aus Tradition?“ Die Aufgabe kam vom Chef und alle würden zuhören. Sollte er sich jetzt einschleimen oder lieber die Wahrheit sagen?

Jedes Unternehmen, sei es nun privatwirtschaftlich, staatlich oder gemeinnützig, hat ein Leitbild, an dem sich alle Mitarbeitenden orientieren sollen und das Maßstab für Entscheidungen ist. Man „hält zusammen“ wie eine „große Familie“ und stellt den „Kunden in den Mittelpunkt“, ist „agil“ und „kostenbewusst“, ist „Technikführer“ oder gar Synonym für eine ganze Branche („Das Auto“). Gleichzeitig haben in Zeiten des Homeoffices Führungskräfte die Schwierigkeit, die Motivation ihrer Angestellten zu erfahren. Da stellen die aus „technischen Gründen“ („Sorry, ganz schlechte Internetverbindung!“) die Kamera bei Videokonferenzen ab und verschwinden im Off. Auch aus den Emojis in den Chats lässt sich schwer eine Stimmung herauslesen und virtuelle Team-Kaffeepausen scheitern an den Stundenplänen der Schule.

So kommt leicht die Idee auf, mal eine Kurzpräsentation zur Motivation einzufordern. Was eignet sich dazu mehr als die alle verbindende Firmenphilosophie? Doch wie sollen Mitarbeitende reagieren, die nach Monaten von Homeschooling, Homeoffice und Home-Koller auf dem Zahnfleisch kriechen? Sollen sie ehrlich sein und zeigen, wie es ihnen geht? Das kann leicht als Zeichen der Schwäche angesehen werden. Vorgesetzte sind häufig selbst am Rande des Nervenzusammenbruchs und können keine Entlastung anbieten. Da keine Lösung in Sicht ist, kann der Nordkoreaner in mir die Präsentation machen.

Es gibt unzählige Fotos von Menschen aus Nordkorea, die ihrem „glorreichen Führer“ begeistert applaudieren und jedes seiner „vorbildlichen“ Worte notieren. Dieses Höchstmaß an Ergebenheit könnte auch mir helfen und so sähe die Präsentation aus: „Unsere Firmenphilosophie ist für mich tägliche Inspiration, ich lebe sie geradezu – Innovation ist besonders jetzt wichtig – Mit beständiger Erneuerung habe ich viel Übung – Ich nehme also die aktuellen Herausforderungen gerne an – Habe mich schnell an veränderte Bedingungen angepasst …“

Doch beim Tippen regt sich in mir Widerstand. Als „widerwärtiger Schleimer“ fühle ich mich beschimpft, als „Weichei“, nur zu „feige“, es mal „richtig krachen zu lassen“. Crazy Harry meldet sich zu Wort, der Anarchist aus der Muppet Show, der es liebt, Dinge in die Luft zu jagen. Das dafür notwendige Dynamit hat er immer parat.

Zwischen grenzenloser Zustimmung und kompletter Ablehnung

Wie sähe die Präsentation wohl aus, wenn er sie machen dürfte? „Innovation heißt Altes zerstören, nicht wahr? Also Schluss mit Muff wie diesem Motivationsgedöns! – Ich muss mal an die frische Luft und die Arbeit ist im Weg, also weg damit! – Ich sprenge mir den Weg zu meiner Familie frei, denn sie braucht mich – Es reicht mir mit dämlichen Zusatzaufgaben, ständigen Anpassungen und dem elendigen Zeitdruck …“ Das wäre vermutlich sehr authentisch, aber unter den gegebenen Umständen ein wenig unpassend. Und der unterwürfige Nordkoreaner in mir ist entsetzt ob dieses sträflichen Verrats am Chef.

Eine gelungene Präsentation wäre dann möglich, wenn ich dem Angepassten (Nordkoreaner) ein wenig Anarchie (Harry) an die Seite stelle, beispielsweise ein freundliches Lächeln und ein im Stillen gedachten ausgestreckten Mittelfinger. Oder mit dem Gedanken, dass Innovationen auch Zeit und Ruhe zum Reifen brauchen und diese im Moment schwer zu finden sind. Deshalb können auch manche Aufgaben leider nicht erledigt werden.

Das ist jetzt keine Blaupause, denn letztendlich muss jede/r selbst die richtige Balance zwischen den eigenen Crazy Harrys und Nordkoreanern finden, um im doppelten Sinne stimmig zu sein: authentisch (für sich) und angemessen (für die Situation).

Solange man Geld verdienen muss, muss man sich beleidigen lassen.

Martin Walser (*1927, deutscher Schriftsteller)

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Duzen – Siezen – Diezen

Er saß unerwartet bei einer Präsentation direkt neben der Geschäftsführung: man sei ja schließlich ein Team. Als sich das Management anschließend über das Gesehene austauschte, verstand er kein Wort. Was er dort hörte, ergab für ihn einfach keinen Sinn. Und er fragte sich: „Welche Sprache benutzen die denn?“

Macht und Hierarchie im Arbeitsalltag wirken im 21. Jahrhundert so veraltet wie Fax und Schreibmaschine. Verstärkt wird das noch durch Corona-bedingte Videogespräche, die Vorgesetzte unfreiwillig in ihrer privaten Umgebung führen müssen. Da rennt beim Bankvorstand im Hintergrund das Kind durch den Flur, die Verkaufsleiterin scheint afrikanische Schrumpfkopfmasken zu mögen und ein rosa Betthimmel heiligenscheint über der Glatze des Projektleiters.

Dazu passend greift seit geraumer Zeit eine Duz-Welle um sich. Was in der Werbung von hippen Start-ups (oder auf Deutsch: Firmen, die mit ihrem Neugeschäft gerade in aller Munde sind) ausging, ist mittlerweile im Bankgeschäft, beim Autokauf und im Textilhandel weit verbreitet. Suggeriert wird hier: wir verstehen die Bedürfnisse unsere Kunden und sind wie ein Freund an deren Seite – auf Augenhöhe, „Du + Wir = ein Team“. Team scheint überhaupt ein wichtiger Begriff zu sein.

Das „Sie“ gilt als Zeichen des Respekts und der Ordnung zwischen mächtigen Oberen und dienenden Untergebenen. Es gibt nur noch wenige Bereiche, in denen das Sie unerschütterlich scheint. In der öffentlichen Verwaltung beispielsweise. Im sozialen Bereich ist es dagegen selbstverständlich, dass sich geduzt wird. Hier arbeiten Menschen mit Menschen für Menschen und das „Sie“ wäre eine Barriere, die die pädagogische oder pflegerische Arbeit nur erschwert. Dann gibt es noch hybride Mischformen. Ein „Diezen“ wie im Supermarkt („Du Frau Müller, kannst Du mir mal …“) oder aus dem Angelsächsischen kommend („Irene, könnten Sie bitte mal …“)

Das „Du“ ist für deutsche Gewohnheiten ursprünglich dem privaten Umfeld vorbehalten gewesen. Wurden in der Nachkriegszeit Eltern teilweise noch gesiezt, hat sich das „Du“ als besondere Auszeichnung durchgesetzt: seht her, wir sind so eng miteinander verbunden, dass wir uns duzen. Auch best buddies (beste Kumpel) zeigten mit dem Du: Wir sind drin und Ihr seid draußen. Im professionellen Kontext kreiert das „Du“ die Illusion einer freundschaftlichen Verbundenheit, doch es ist lediglich ein „Arbeits-Du“.

Ein König spricht von mit einem UntertanDenn wird in einer Organisation das vorgeblich Hierarchie-nivellierende „Du“ verwendet, braucht es andere Formen, um das weiterhin real existierende Machtgefälle zu demonstrieren, Team hin oder her. Innerhalb einer Firmensprache (Siemens-Sprech, Commerzbank-Sprech, etc.) gibt es auch noch das „Management-Sprech“. Da fallen ganz beiläufig die neuesten Buzzwords (Begriffe, die aktuell in keiner Präsentation fehlen dürfen, wenn man dazu gehören will), die nur die Eingeweihten kennen. Es werden Andeutungen gemacht, die auf gemeinsame Vorabsprachen verweisen. Und das Ganze in einer Mischung aus exkludierender Gruppensprache und individueller Selbstdarstellung: Sprache ist eine Machtdemonstration nach Außen und nach Innen. Sie dient der Abgrenzung und der Positionierung der Gruppe.

Wer diese Sprache zum ersten Mal hört, denkt womöglich:

„Ich verstehe nur Bahnhof!“

(Redensart, die am Ende des 1. Weltkriegs entstand. Soldaten wollten nur weg von der Front nach Hause, damals halt mit der Bahn. Bahnhof bedeutete also Heimaturlaub. Sagt jemand „Ich verstehe nur Bahnhof“ ist gemeint: „Ich will hier weg und nach Hause“.)

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Reden, wenn die Zeit dafür reif ist

Es war ihm schon lange ein Anliegen, die angespannte Situation anzusprechen. Doch wenn er versuchte, sich auszudrücken, kam nur ein „Hrmpfl!“ heraus. Wie konnte er bloß den Knoten in der Zunge lösen?

Es gibt immer wieder Situationen, in denen wir nicht sprechfähig sind. In uns herrscht mal ein Durcheinander an Gefühlen, Wünschen und Befürchtungen. Ein anderes Mal scheint alles klar zu sein; doch sobald wir versuchen, das jemandem zu erklären, fehlen uns die Worte. Es gibt scheinbar keine passende Sprache für das, was wir fühlen oder wollen. Die richtigen Worte zu finden braucht Zeit.

Oft genug drängt jedoch das Gegenüber: „Jetzt sag schon, was los ist!“ Dieser Druck bewirkt nur, dass die innere Verwirrung und die äußere Sprachlosigkeit noch stärker werden. Das wiederum führt zu Ärger auf der anderen Seite: „Sei nicht so verstockt! Ich höre Dir doch zu!“. Nein, da fällt Reden schwer, wenn die sprechende Person Zeit braucht, um Worte zu finden und die zuhörende Person vor allem eines nicht hat: Zeit und Geduld. Im schlimmsten Fall werden sofort Lösungen präsentiert und unerwünschte Ratschläge verteilt.

Im übertragenen Sinn treffen hier ein Krebs und ein Windhund aufeinander. Krebse gehen mit Seitbewegungen vorwärts. Immer schräg, mal nach rechts, mal nach links und dabei immer auch ein Stück vorwärts. Im Krebsgang kommen auch erst manche Gedanken ans Ziel. Ein Windhund dagegen jagt von Anfang an dem (falschen) Kaninchen hinterher, nichts lenkt die Konzentration vom Ziel ab. Schnellstmöglich gilt es das Rennen zu beenden. Dabei werden alle anderen hinter sich gelassen und abgehängt.

Die richtigen Worte zu finden braucht Zeit

Die Person, die um Sprechfähigkeit ringt, könnte dagegen eine sanfte Unterstützung gebrauchen. Die Suche nach dem, was da in mir ist und heraus will, kann durch offene Fragen unterstützt werden: „Wie …?“, „Was …?“ Auch Worte anzubieten, kann hilfreich sein: „Fühlt es sich an wie …?“, „Geht es Dir um …?“ Und auch wenn das Wortangebot nicht passt, kann es hilfreich sein: „Nein, es ist eher …“ So wird aus dem Reden ein lautes Denken und aus dem Zuhören eine Geburtshilfe für halb ausgesprochene Gedanken.

Auf den ersten Blick mag das ein langwieriges Verfahren sein. Doch auch ein Krebs kommt ans Ziel. Und für den Frieden in der Beziehung oder im Gespräch ist es allemal besser, zu begleiten als zu drängeln.

Wenn Du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rathe ich Dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest, nein! Vielmehr sollst Du es ihm selber allererst erzählen.

Aus dem Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (Heinrich von Kleist, 1777 – 1811, deutscher Dramatiker und Lyriker)

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