Der Nordkoreaner in mir

Er sollte eine 3-minütige Präsentation vorbereiten: „Wie motiviert mich jetzt im Homeoffice unsere Firmenphilosophie Innovation aus Tradition?“ Die Aufgabe kam vom Chef und alle würden zuhören. Sollte er sich jetzt einschleimen oder lieber die Wahrheit sagen?

Jedes Unternehmen, sei es nun privatwirtschaftlich, staatlich oder gemeinnützig, hat ein Leitbild, an dem sich alle Mitarbeitenden orientieren sollen und das Maßstab für Entscheidungen ist. Man „hält zusammen“ wie eine „große Familie“ und stellt den „Kunden in den Mittelpunkt“, ist „agil“ und „kostenbewusst“, ist „Technikführer“ oder gar Synonym für eine ganze Branche („Das Auto“). Gleichzeitig haben in Zeiten des Homeoffices Führungskräfte die Schwierigkeit, die Motivation ihrer Angestellten zu erfahren. Da stellen die aus „technischen Gründen“ („Sorry, ganz schlechte Internetverbindung!“) die Kamera bei Videokonferenzen ab und verschwinden im Off. Auch aus den Emojis in den Chats lässt sich schwer eine Stimmung herauslesen und virtuelle Team-Kaffeepausen scheitern an den Stundenplänen der Schule.

So kommt leicht die Idee auf, mal eine Kurzpräsentation zur Motivation einzufordern. Was eignet sich dazu mehr als die alle verbindende Firmenphilosophie? Doch wie sollen Mitarbeitende reagieren, die nach Monaten von Homeschooling, Homeoffice und Home-Koller auf dem Zahnfleisch kriechen? Sollen sie ehrlich sein und zeigen, wie es ihnen geht? Das kann leicht als Zeichen der Schwäche angesehen werden. Vorgesetzte sind häufig selbst am Rande des Nervenzusammenbruchs und können keine Entlastung anbieten. Da keine Lösung in Sicht ist, kann der Nordkoreaner in mir die Präsentation machen.

Es gibt unzählige Fotos von Menschen aus Nordkorea, die ihrem „glorreichen Führer“ begeistert applaudieren und jedes seiner „vorbildlichen“ Worte notieren. Dieses Höchstmaß an Ergebenheit könnte auch mir helfen und so sähe die Präsentation aus: „Unsere Firmenphilosophie ist für mich tägliche Inspiration, ich lebe sie geradezu – Innovation ist besonders jetzt wichtig – Mit beständiger Erneuerung habe ich viel Übung – Ich nehme also die aktuellen Herausforderungen gerne an – Habe mich schnell an veränderte Bedingungen angepasst …“

Doch beim Tippen regt sich in mir Widerstand. Als „widerwärtiger Schleimer“ fühle ich mich beschimpft, als „Weichei“, nur zu „feige“, es mal „richtig krachen zu lassen“. Crazy Harry meldet sich zu Wort, der Anarchist aus der Muppet Show, der es liebt, Dinge in die Luft zu jagen. Das dafür notwendige Dynamit hat er immer parat.

Zwischen grenzenloser Zustimmung und kompletter Ablehnung

Wie sähe die Präsentation wohl aus, wenn er sie machen dürfte? „Innovation heißt Altes zerstören, nicht wahr? Also Schluss mit Muff wie diesem Motivationsgedöns! – Ich muss mal an die frische Luft und die Arbeit ist im Weg, also weg damit! – Ich sprenge mir den Weg zu meiner Familie frei, denn sie braucht mich – Es reicht mir mit dämlichen Zusatzaufgaben, ständigen Anpassungen und dem elendigen Zeitdruck …“ Das wäre vermutlich sehr authentisch, aber unter den gegebenen Umständen ein wenig unpassend. Und der unterwürfige Nordkoreaner in mir ist entsetzt ob dieses sträflichen Verrats am Chef.

Eine gelungene Präsentation wäre dann möglich, wenn ich dem Angepassten (Nordkoreaner) ein wenig Anarchie (Harry) an die Seite stelle, beispielsweise ein freundliches Lächeln und ein im Stillen gedachten ausgestreckten Mittelfinger. Oder mit dem Gedanken, dass Innovationen auch Zeit und Ruhe zum Reifen brauchen und diese im Moment schwer zu finden sind. Deshalb können auch manche Aufgaben leider nicht erledigt werden.

Das ist jetzt keine Blaupause, denn letztendlich muss jede/r selbst die richtige Balance zwischen den eigenen Crazy Harrys und Nordkoreanern finden, um im doppelten Sinne stimmig zu sein: authentisch (für sich) und angemessen (für die Situation).

Solange man Geld verdienen muss, muss man sich beleidigen lassen.

Martin Walser (*1927, deutscher Schriftsteller)

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Duzen – Siezen – Diezen

Er saß unerwartet bei einer Präsentation direkt neben der Geschäftsführung: man sei ja schließlich ein Team. Als sich das Management anschließend über das Gesehene austauschte, verstand er kein Wort. Was er dort hörte, ergab für ihn einfach keinen Sinn. Und er fragte sich: „Welche Sprache benutzen die denn?“

Macht und Hierarchie im Arbeitsalltag wirken im 21. Jahrhundert so veraltet wie Fax und Schreibmaschine. Verstärkt wird das noch durch Corona-bedingte Videogespräche, die Vorgesetzte unfreiwillig in ihrer privaten Umgebung führen müssen. Da rennt beim Bankvorstand im Hintergrund das Kind durch den Flur, die Verkaufsleiterin scheint afrikanische Schrumpfkopfmasken zu mögen und ein rosa Betthimmel heiligenscheint über der Glatze des Projektleiters.

Dazu passend greift seit geraumer Zeit eine Duz-Welle um sich. Was in der Werbung von hippen Start-ups (oder auf Deutsch: Firmen, die mit ihrem Neugeschäft gerade in aller Munde sind) ausging, ist mittlerweile im Bankgeschäft, beim Autokauf und im Textilhandel weit verbreitet. Suggeriert wird hier: wir verstehen die Bedürfnisse unsere Kunden und sind wie ein Freund an deren Seite – auf Augenhöhe, „Du + Wir = ein Team“. Team scheint überhaupt ein wichtiger Begriff zu sein.

Das „Sie“ gilt als Zeichen des Respekts und der Ordnung zwischen mächtigen Oberen und dienenden Untergebenen. Es gibt nur noch wenige Bereiche, in denen das Sie unerschütterlich scheint. In der öffentlichen Verwaltung beispielsweise. Im sozialen Bereich ist es dagegen selbstverständlich, dass sich geduzt wird. Hier arbeiten Menschen mit Menschen für Menschen und das „Sie“ wäre eine Barriere, die die pädagogische oder pflegerische Arbeit nur erschwert. Dann gibt es noch hybride Mischformen. Ein „Diezen“ wie im Supermarkt („Du Frau Müller, kannst Du mir mal …“) oder aus dem Angelsächsischen kommend („Irene, könnten Sie bitte mal …“)

Das „Du“ ist für deutsche Gewohnheiten ursprünglich dem privaten Umfeld vorbehalten gewesen. Wurden in der Nachkriegszeit Eltern teilweise noch gesiezt, hat sich das „Du“ als besondere Auszeichnung durchgesetzt: seht her, wir sind so eng miteinander verbunden, dass wir uns duzen. Auch best buddies (beste Kumpel) zeigten mit dem Du: Wir sind drin und Ihr seid draußen. Im professionellen Kontext kreiert das „Du“ die Illusion einer freundschaftlichen Verbundenheit, doch es ist lediglich ein „Arbeits-Du“.

Ein König spricht von mit einem UntertanDenn wird in einer Organisation das vorgeblich Hierarchie-nivellierende „Du“ verwendet, braucht es andere Formen, um das weiterhin real existierende Machtgefälle zu demonstrieren, Team hin oder her. Innerhalb einer Firmensprache (Siemens-Sprech, Commerzbank-Sprech, etc.) gibt es auch noch das „Management-Sprech“. Da fallen ganz beiläufig die neuesten Buzzwords (Begriffe, die aktuell in keiner Präsentation fehlen dürfen, wenn man dazu gehören will), die nur die Eingeweihten kennen. Es werden Andeutungen gemacht, die auf gemeinsame Vorabsprachen verweisen. Und das Ganze in einer Mischung aus exkludierender Gruppensprache und individueller Selbstdarstellung: Sprache ist eine Machtdemonstration nach Außen und nach Innen. Sie dient der Abgrenzung und der Positionierung der Gruppe.

Wer diese Sprache zum ersten Mal hört, denkt womöglich:

„Ich verstehe nur Bahnhof!“

(Redensart, die am Ende des 1. Weltkriegs entstand. Soldaten wollten nur weg von der Front nach Hause, damals halt mit der Bahn. Bahnhof bedeutete also Heimaturlaub. Sagt jemand „Ich verstehe nur Bahnhof“ ist gemeint: „Ich will hier weg und nach Hause“.)

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Reden, wenn die Zeit dafür reif ist

Es war ihm schon lange ein Anliegen, die angespannte Situation anzusprechen. Doch wenn er versuchte, sich auszudrücken, kam nur ein „Hrmpfl!“ heraus. Wie konnte er bloß den Knoten in der Zunge lösen?

Es gibt immer wieder Situationen, in denen wir nicht sprechfähig sind. In uns herrscht mal ein Durcheinander an Gefühlen, Wünschen und Befürchtungen. Ein anderes Mal scheint alles klar zu sein; doch sobald wir versuchen, das jemandem zu erklären, fehlen uns die Worte. Es gibt scheinbar keine passende Sprache für das, was wir fühlen oder wollen. Die richtigen Worte zu finden braucht Zeit.

Oft genug drängt jedoch das Gegenüber: „Jetzt sag schon, was los ist!“ Dieser Druck bewirkt nur, dass die innere Verwirrung und die äußere Sprachlosigkeit noch stärker werden. Das wiederum führt zu Ärger auf der anderen Seite: „Sei nicht so verstockt! Ich höre Dir doch zu!“. Nein, da fällt Reden schwer, wenn die sprechende Person Zeit braucht, um Worte zu finden und die zuhörende Person vor allem eines nicht hat: Zeit und Geduld. Im schlimmsten Fall werden sofort Lösungen präsentiert und unerwünschte Ratschläge verteilt.

Im übertragenen Sinn treffen hier ein Krebs und ein Windhund aufeinander. Krebse gehen mit Seitbewegungen vorwärts. Immer schräg, mal nach rechts, mal nach links und dabei immer auch ein Stück vorwärts. Im Krebsgang kommen auch erst manche Gedanken ans Ziel. Ein Windhund dagegen jagt von Anfang an dem (falschen) Kaninchen hinterher, nichts lenkt die Konzentration vom Ziel ab. Schnellstmöglich gilt es das Rennen zu beenden. Dabei werden alle anderen hinter sich gelassen und abgehängt.

Die richtigen Worte zu finden braucht Zeit

Die Person, die um Sprechfähigkeit ringt, könnte dagegen eine sanfte Unterstützung gebrauchen. Die Suche nach dem, was da in mir ist und heraus will, kann durch offene Fragen unterstützt werden: „Wie …?“, „Was …?“ Auch Worte anzubieten, kann hilfreich sein: „Fühlt es sich an wie …?“, „Geht es Dir um …?“ Und auch wenn das Wortangebot nicht passt, kann es hilfreich sein: „Nein, es ist eher …“ So wird aus dem Reden ein lautes Denken und aus dem Zuhören eine Geburtshilfe für halb ausgesprochene Gedanken.

Auf den ersten Blick mag das ein langwieriges Verfahren sein. Doch auch ein Krebs kommt ans Ziel. Und für den Frieden in der Beziehung oder im Gespräch ist es allemal besser, zu begleiten als zu drängeln.

Wenn Du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rathe ich Dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest, nein! Vielmehr sollst Du es ihm selber allererst erzählen.

Aus dem Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ (Heinrich von Kleist, 1777 – 1811, deutscher Dramatiker und Lyriker)

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Bullshit-Bingo mit den nervigen Kollegen

Mit siegesgewissem Lächeln triumpfmarschierte sie durch’s Büro. Sie hatte mal wieder Recht gehabt und das wollte sie jetzt jedem Ungläubigen auf’s Brot schmieren. Das nervte alle und alle regten sich über ihr Gehabe auf. Bis auf einen. Der lächelte und freute sich insgeheim über ihre Show. Warum blieb er so gelassen?

Es gibt gerade auf der Arbeit viel Gelegenheit, die Eigenarten anderer Menschen zu studieren. Oft genug müssen sie ertragen werden, oft genug sorgen sie für Leid und Ärger. Schließlich hängen alle über Stunden aufeinander, müssen miteinander arbeiten obwohl die Sympathie füreinander doch arg begrenzt ist und so kommt es immer wieder zu Theaterszenen, bei denen eine Person die Rolle A und die anderen die Rolle B übernehmen. In Endlosschleife.

Da gibt es die Nörgler. Sie haben immer etwas zu meckern, das Glas ist nie halb voll, sondern immer halb leer, auch wenn es schon überläuft. „Das ist doch alles Käse!“ und „Man müsste endlich mal …“ sind ihr Standardphrasen. Wer immer dieser ominöse „man“ auch ist, bleibt ungeklärt.

Es gibt die angeekelten Besserwisser. In ihrer Welt müssen sie sich ständig mit Leuten abgeben, die unter ihrem Niveau sind. Gott, was sind die anderen dumm! Sie können immer sagen, wie eine Sache ausgehen wird. Und haben sie tatsächlich einmal Recht, reiben sie das allen anderen ungefragt unter die Nase.

Auch die hyperaktiven cholerischen Kollegen können eine Plage sein. Keiner schafft so viel wie sie weg, so fehlerlos, so genial. Das richtige Arbeiten muss den armen Dummchen nur richtig eingebläut werden, gerne so, dass es das halbe Büro mitbekommt.

Bullshit-Bingo mit nervigen KollegenAuf jede dieser Rollen gibt es Standardreaktionen, die sich voraussagbar zu einem festen Tanz wie bei den Kranichen entwickeln. Gelöst wird dadurch nichts, sie befeuern lediglich den Konflikt. Doch wie wäre es stattdessen mit einem inneren Bullshit-Bingo?

„Ich habe es doch gleich gewusst!“ – Bingo!

„Gott, was für eine dämliche Frage!“ – Bingo!

„Können Sie noch nicht mal kopieren??“ – Bingo!

Am Ende des Tages kann der Bingo-Zettel vollständig angekreuzt sein und ich freue mich, dass ich nicht auf das endlose Spiel von Provokation und Reaktion eingestiegen bin. Ich habe das einfach an mir abtropfen lassen. Wenn es jetzt auch noch einen Euro je Kreuz aus dem Lohnbüro geben würde – ich wäre ein reicher Mann.

Zank nicht mit einem Schwätzer /
und leg nicht noch Holz auf das Feuer!

Das Buch Jesus Sirach, Kapitel 8, Vers 3

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Wenn ein sachliches Gespräch entgleitet

Beim Statusmeeting kam es zum Eklat. Nach dem Urlaub stellte die Projektleiterin schwere Versäumnisse während ihrer Abwesenheit fest, die den Projekterfolg akut gefährdeten. Doch statt des erhofften gemeinsamen Schulterschlusses zur Lösung der Probleme entstanden Fronten und tiefe Gräben. Wie konnte das bloß passieren?

Wenn ein Gespräch entgleitet, sind Überraschung, Schaden und Zeitverschwendung groß. Es scheint, als hätten alle Beteiligten etwas „in den falschen Hals“ bekommen, bestünden „stur auf ihren Positionen“ und würden die anderen „einfach nicht verstehen wollen“. Dabei ging es doch eigentlich um die Sache, reine Fakten wurden auf den Tisch gelegt und logische Konsequenzen gefordert. Oder doch nicht? Nein, nichts davon war wirklich der Fall.

Jedes Gespräch, jegliche Art von Kommunikation, bedient gleichzeitig mehrere Ebenen: Diese vier Seiten der Kommunikation lassen sich in einem Quadrat darstellen. Das Modell hilft, ein Gespräch zu analysieren. Da sind zum einen nachprüfbaren Fakten, die klar „wahr“ oder „unwahr“ sind. Das ist die blaue Sachebene. Weiterhin sagen wir alle auch immer etwas über uns selbst aus und wie es uns geht. Was in uns los ist können wir nicht vollständig vor den anderen verbergen. Das ist die grüne Seite der Selbstkundgabe. Es schwingt auch immer eine Beziehungsdefinition mit: wie sehe ich mich im Verhältnis zum Gegenüber, wie sehe ich unsere Beziehung zueinander? Das ist die gelbe Beziehungsseite. Schließlich ist auch immer ein Appell, eine Handlungsaufforderung enthalten, mal deutlich, mal versteckt. Das ist die rote Appellseite.

Die Projektleiterin hat im Eingangsbeispiel ihrem Ärger Ausdruck gegeben. Doch hinter dem Ärger steckte in Wahrheit vermutlich Enttäuschung, eine Traurigkeit über das drohende Scheitern des geliebten Projekts.

Wenn die Traurigkeit das Gespräch bestimmt

Traurigkeit ist fähig, Ärger befeuern, der dann als Außenbeauftragter das Gespräch führt. Oft wird im „Eifer des Gefechts“ aus innerer Enttäuschung geäußerter Ärger. Zum anderen sind Ärger, Wut oder Aggression gesellschaftlich akzeptierter und daher einfacher zu zeigen als Enttäuschung, Trauer oder Verletzung. Weil auch Gesprächspartner leicht Vorwürfe, Angriffe und Herabsetzungen hören und damit automatisch in eine konfrontative Verteidigungshaltung gehen, entgleiten Gespräche in einen Beziehungskampf „unter der Gürtellinie“, anstatt dass sachlich die Fakten „auf den Tisch“ gelegt und ganz „vernünftig Lösungen gesucht“ werden.

Wenn der Ärger das Gespräch bestimmt

Es lohnt sich also, an den Kern der Emotionen heranzukommen, die mich gerade durchschütteln. Das eröffnet Wege für die Verständigung, weil ich dann ehrlicher zu mir und zum Gegenüber sein kann.

Wenn du eine weise Antwort verlangst, musst du vernünftig fragen.

Johann Wolfang Goethe (1749 – 1832, deutscher Dichter)

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Reputation-Management mit Klatsch und Tratsch

Ihr Ehemann genoss bei Freunden einen ausgezeichneten Ruf, selbst seine Gegner zollten ihm Respekt: Großzügigkeit, Weisheit und Gelassenheit präge sein Wesen. Doch seine Ehefrau kannte ihn ganz als aufbrausend, ungerecht und launisch. Bei jedem neuen Loblied fragte sie sich: Was würden wohl die Leute sagen, wenn sie die Wahrheit über ihn wüssten, so wie ich?

Für das positive Bild eines Menschen hat die deutsche Sprache eine Vielzahl von Redewendungen parat: Da hat jemand einen tadellosen Ruf, bürgt mit seinem guten Namen, man wisse man nur Gutes über jemanden zu berichten oder es sei jemand ohne Fehl und Tadel. Gemeinsam ist allen, dass eine Person etwas über eine Andere öffentlich sagt, gar bezeugen kann aus erster Hand, manchmal auch nur vom Hörensagen. Das öffentliche Bild eines Menschen ist davon abhängig, was andere Menschen über sie oder ihn zu sagen bereit ist.

Uns scheint es gleichsam zweifach zu geben. Einmal real, einmal als Abbild und der Ruf, der einem vorauseilt und hoffentlich gut ist. Das kann sowohl der des „harten Sanierers“ sein für einen Betrieb in finanzieller Schieflage oder der einer „Brückenbauerin“ bei schwierigen Verhandlungen. Dieses zweite Porträt gehört uns nicht und wir können es nur zum Teil beeinflussen. Es gibt Rufschädigungen, die unwissentlich oder absichtlich mit Klatsch und Tratsch in die Welt gesetzt werden.

Es gibt viele unterschiedliche Meinungen über die eigene Person

Auch der Ruf anderer Menschen oder von Firmen kann abfärben. Nicht von ungefähr gibt es „due dilligence“ Prüfungen bevor Organisationen miteinander eine Kooperation schließen. Dabei wird analysiert, inwiefern es Gefahren gibt, die die Kooperation und den eigenen guten Ruf gefährden. Und umgekehrt gibt es nicht nur im Märchen die Hoffnung „Möge das Licht Deiner Güte und Weisheit auch mich erleuchten, oh großer König/Fürst/Richter!“

Sobald Menschen erfahren, dass ihr Verhalten von anderen gesehen und beurteilt werden kann, verhalten sie sich kooperativer. Denn wer sich in der Öffentlichkeit als hilfsbereit darstellt, wird mit einem guten Leumund belohnt; unabhängig davon, wie man im Privatleben ist. Wer in das Glück oder das Vorankommen von anderen investiert und das in aller Bescheidenheit ganz öffentlich macht, kann sich Lob und Ehre gewiss sein, weitergetragen durch Klatsch und Tratsch. Dann sagen die Leute „Schaut, wie selbstlos sie/er ist!“

Die sog. Sozialen Medien mit ihrer öffentlichen Wirkung verstärken diesen Effekt, im Guten wie im Schlechten. Was „schlecht“ und was „gut“ ist, hängt dabei vom Kontext ab. Wer in einer Umgebung radikaler Menschen für Mitmenschlichkeit eintritt, ist hier Außenseiter, als brutaler Schläger hingegen hoch angesehen. Auch in schlechten Kreisen gilt es, einen guten Ruf zu verteidigen.

Daher verwundert es nicht, dass Erpressung so ein lukratives Geschäft ist. Die Wahrung des guten Rufs ist den Opfern eine Menge Geld wert. Lieber lässt man sich die Hand abhacken, als dass man über sich schlecht geredet haben will. Whistleblower, also Verräter von Geheimnissen, die besser unveröffentlicht blieben, leben nicht umsonst gefährlich. Denn manchmal lässt sich der gute Ruf nur noch mit Gewalt aufrechterhalten.

Audrey Hepburn war sich stets vollkommen sicher, wer sie war und wie sie von uns gesehen werden wollte.

Richard Avedon (1923 – 2004, US-amerikanischer Fotograf)

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An der Projekttanksstelle gibt es heute kein Benzin

Der Chef hatte mit leuchtenden Augen von einer neuen Idee gesprochen, für die er das Projektteam begeistern wollte. Während einige pflichtbewusst zustimmten, blieb ein Kollege merkwürdig still. Das Team wollte nun auch seine Meinung hören. Ehrlich gesagt fand er den Vorschlag „Unsinn“. Doch wie sollte er das sagen, ohne jemanden zu verletzen?

Manchmal bekomme ich Vorschläge, die mich innerlich rebellieren lassen, ohne dass ich weiß, warum ich so auf die Barrikaden gehe. Zum Glück trage ich das nicht jedes Mal sofort nach außen, denn sonst käme nur ein wildes verstörendes Satzungetüm raus. Erstmal will ich mir klar werden, warum mich diese Idee, dieses Anliegen so aufregt. Denn auf den ersten Blick kommt es freundlich daher, scheint sinnvoll zu sein und eine Ablehnung steht eigentlich außer Frage.

Kein Treibstoff für diese Idee

Mit ein wenig Ruhe, manchmal erst am nächsten Morgen, bekomme ich dann den Grund für meine Ablehnung zu fassen. Im Falle eines Projektvorschlages meldet sich bei mir mein innerer Tankwart. Der steht vor der Zapfsäule, der Treibstoff (also meine Energie für das Leben) ist streng rationiert. Er soll schließlich für alles reichen, was ich so mache: Arbeit, Familie, Freunde und meine eigene Kreativität. Da komme ich also an und möchte Benzin und der Tankwart will wissen, wofür. Ich erzähle es ihm. Kritisch hört er zu – er scheint den Erfolgsaussichten des Vorhabens zu misstrauen. Da ruft er nach seinem Kollegen, der nebenher Buchmacher ist. Der hört sich das alles nochmal an, schaut nach ähnlichen Ideen und Projekten in der Vergangenheit, betrachtet das aktuelle Umfeld mit seinen Herausforderungen und kommt zu dem Schluss: auf den Erfolg dieser Idee würde er nicht wetten. Auch wenn sie auf den ersten Blick noch so gut klingt. Der Tankwart nickt, das Ergebnis hat er wohl erwartet. Dafür gibt er kein Benzin raus und so bleibt mir die Zapfsäule versperrt. Denn schließlich gibt es ja noch Familie, Freunde und meine eigene Kreativität, die von dem knappen Gut „Energie“ etwas brauchen.

Wenn mir das klar geworden ist, bin ich auch nach außen sprechfähig. Ich kann die Initiative wertschätzen, die Erfolgsaussichten als gering beschreiben und daher meine Ablehnung gut begründen. Oft mit der überraschenden Erfahrung, dass Umstehende das so ähnlich sehen, es aber nicht hätten ausdrücken können. Wohl dem, der einen guten Tankwart hat.

Prioritäten setzen heißt auswählen, was liegen bleiben soll.

Helmar Nahr (1931-1990, dt. Mathematiker und Wissenschaftler)

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Wenn ich im Streit einen Wunsch frei hätte …

Die Auseinandersetzung hatte harmlos angefangen, doch mittlerweile hatten sich die beiden Streithähne wie Bullterrier ineinander verbissen. Da sagte der eine zum anderen: „Was willst Du denn jetzt von mir?“. Und der Andere, der war still. Denn genau das konnte er nicht sagen. Wie konnte ihm das nur passieren?

Manche Konflikte haben es wirklich in sich. Der Ausgangspunkt ist irgendwann in Vergessenheit geraten, Schicht um Schicht sind Vorwürfe und Rechtfertigungen aufeinandergelegt worden bis die Ursache des ganzen Streits metertief darunter begraben ist. Und noch viel weiter entfernt ist eine Lösung. Denn keiner kann mehr sagen, was genau sie oder er sich von seinem Gegenüber wirklich wünscht. Oft genug kommen Sätze wie „Du sollst nicht mehr …“, „Hör endlich auf damit zu …“ oder „Ich will von Dir nicht mehr …“. Allesamt Negativwünsche, die dem Anderen keinen Weg zur Aussöhnung zeigen. Oft genug kann ich gar nicht mehr sagen, was ich wirklich vom Anderen will.

Es kann dann helfen, sich selbst ein wenig zu strukturieren, damit ich klarer werde in dem, was ich von meinem Gegenüber gerne möchte. Vier Schritte gehören dazu:
Vier Schritte führen zum Ziel

  1. Beobachtung: um was genau geht es jetzt gerade? Kann ich das überprüfbar beschreiben? Zum Beispiel: „Wenn ich sehe, wie verschmiert die Zahnpastatube ist, nachdem Du sie benutzt hast …“ lässt sich objektiv nachprüfen.
  2. Befinden: was macht das Beobachtete mit mir? Es gibt einen Einblick in meine innere Gefühlslage. Zum Beispiel: „… dann ärgere ich mich, …“
  3. Bedürfnis: was bräuchte ich denn eigentlich und bekomme es nicht? Zum Beispiel: „…, weil ich die Tube sauber brauche und meine Hände nicht mit Zahnpasta beschmiert werden. Das hilft mir, morgens gut gelaunt und pünktlich aus dem Haus zu kommen.“
  4. Bitte: Und was soll mein Gegenüber jetzt tun? Das ist keine Forderung, sondern eine positiv formulierte Bitte, die im Zweifelsfall auch unerfüllt bleiben kann. „Deshalb bitte ich Dich, die Tube mit Wasser abzuwischen, bevor Du sie wieder zurücklegst.“

In einem Rutsch: „Wenn ich sehe, wie verschmiert die Zahnpastatube ist, nachdem Du sie benutzt hast, dann ärgere ich mich, weil ich die Tube sauber brauche und meine Hände nicht mit Zahnpasta beschmiert werden. Das hilft mir, morgens gut gelaunt und pünktlich aus dem Haus zu kommen. Deshalb bitte ich Dich, die Tube mit Wasser abzuwischen, bevor Du sie wieder zurücklegst.“ So weiß mein Gegenüber, wie es mir geht, warum das so ist und was ich jetzt wirklich will.

Das Beispiel mit der Zahnpastatube kann lächerlich erscheinen. Es gibt meiner Erfahrung nach jedoch unzählige langandauernde Streits, die sich daran entzündet haben.

Sollten Ihnen meine Aussagen zu klar gewesen sein, dann müssen Sie mich missverstanden haben.

Alan Greenspan (*1926, ehem. Vorsitzender der US-Notenbank, berühmt-berüchtigt für seine kryptischen Aussagen)

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So gelingt die Gerüchteküche

Im Unternehmen blieb wohl kein Stein mehr auf dem anderen. Eine Umstrukturierung machte die Runde, ganze Betriebsteile sollen geschlossen werden. Doch offiziell war das alles nicht. Die Chefetage war abgetaucht und die Mitarbeitenden waren ratlos: welchem der Gerüchte sollten sie denn nun glauben?

Unabhängig vom Alter eines Unternehmens gibt es immer wieder Anpassungen der Strategien, Strukturen und Personalstärke. Für die Betroffenen ist das eine Zeit der Unsicherheit, denn schließlich hängen Familien, Wohnorte und Zukunftspläne daran, ob es weiterhin einen Job gibt oder nicht. Also ist der Informationsbedarf in der Belegschaft hoch, während in der Geschäftsführung der Informationswille niedrig ist: Zum einen will sich keiner in die Karten schauen lassen. Zum anderen sind viele Fakten auch noch nicht klar. Diese ergeben sich erst im Laufe des Prozesses.

In der Gerüchteküche brodelt esDoch wer die Gerüchteküche richtig hochkochen lassen will, fängt an dieser Stelle an mit Informationen zu geizen, macht sich rar und bleibt alles in allem im unnahbaren Ungefähren. Das kann auch als Illoyalität gegenüber den Angestellten interpretiert werden. So entsteht ein leerer Raum voll enttäuschter Erwartungen. Dieser Raum beginnt sich langsam mit Gerüchten zu füllen. Bei diesen Gerüchten ist oft weniger der Inhalt interessant, als das, was mittlerweile für möglich oder wahr gehalten wird: „Die ganze Personalabteilung hat Rechtsschutzversicherungen abgeschlossen!“, „Jeder muss sich auf seine Stelle erneut bewerben!“, „Es werden 25 Prozent von uns entlassen!“ Egal, ob sich das als richtig herausstellen wird, die Qualität der Gerüchte sagt viel über die Stimmung im Unternehmen aus.

„Wir können doch noch gar nichts sagen. Denn es ist noch nicht fertig geplant / entschieden / genehmigt.“ Mit diesem Argument wird oft der Wunsch nach Gesprächen zurückgewiesen. Dabei verlangt auch die Belegschaft nicht nach ultimativen Fakten. Blöd sind die Angestellten ja nicht (sonst wären sie auch nicht eingestellt worden), jeder weiß, dass sich im Laufe der Umstrukturierung neue Dinge ergeben können. Gleichzeitig gilt: Je länger die Unsicherheit, desto größer die Enttäuschung und desto höher die Gefahr, dass gerade jene freiwillig kündigen, die doch eigentlich für die Zukunft gebraucht werden. Und eine demoralisierte Mitarbeiterschaft muss später mühevoll wieder an Bord geholt werden. Daher sollte es doch wenigstens ein Dialogangebot geben.

Für einen Dialog, in dem ich als Angestellter sagen kann, was das Ganze mit mir macht, mit meiner Familie, mit meinen Zukunftsplänen. Ein Dialog, in dem die Geschäftsführung oder von ihr beauftragte Personen vor allem zuhören, Verständnis zeigen und die Stimmung aufnehmen. Ein Dialog, der entlastet, alleine dadurch, dass er stattfindet. Dieser Dialog ist prozessorientiert, nicht lösungsorientiert. Wer fertige Lösungen verlangt oder anbieten will, unterschätzt die motivierende Kraft des Zuhörens und Miteinander-Redens. Denn wer weiß, wen ich von einer Kündigung abhalte und welch gute Ideen in einem solchen Gespräch entstehen können – zu beiderseitigem Nutzen.

Man kann nicht nicht kommunizieren.

Paul Watzlawick (1921 – 2007, österreichisch-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Soziologe, Philosoph und Autor)

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Die „Mach alles wieder gut“-Taste

Wie aus dem Nichts eskalierte der Streit. Ähnlich wie bei einem heftigen Gewitter prasselten die Vorwürfe auf das Paar nieder und am Ende, mit einem großen Donnerschlag, knallte sie die Wohnungstür zu und zog aus. Wie hatte es in einer Stunde nur so weit kommen können?

Hinein und durch zur grundlegenden LösungManchmal sind es nichtige Anlässe, die ganz am Anfang einer Kettenreaktion stehen, die keiner wollte und gleichzeitig jeder befeuerte: die vergessene Sonnenbrille zum Beispiel. Oder der falsch bestellte Wein. Auch ein Klassiker: das dreckige Geschirr. Wenn der Streit schnell vom konkreten Anlass zum Grundsätzlichen eskaliert, war zwar der Anlass nichtig, doch die darunterliegende Ursache wichtig. Da geht es vielleicht um verdiente und nicht gewährte Anerkennung, mangelnde Wahrnehmung oder vermisstes Zueinanderstehen.

Irgendwo, auf halbem Weg zum katastrophalen Ende, wird so manchem angst und bange und er oder sie würde am liebsten die „Mach alles wieder gut“-Taste drücken. Das Gewitter verzöge sich, die Sonne schiene wieder und Friede zöge ein ins Land. Doch nur scheinbar, denn um dieses lieben Friedens willen wird nicht der Ursache für das heftige Zerwürfnis auf den Grund gegangen.

Damit wird eine Chance vergeben, Missbehagen, Missgunst und Missverständnisse offen anzusprechen. In einem Streit wird gegeneinander gekämpft und eine vernünftige Lösung ist dadurch erschwert. Doch dem Ganzen aus dem Weg zu gehen, begründet oft einen kalten Krieg, der Jahre des Lebens vergiften kann.

Die Lösung liegt so gut wie nie im Aussitzen, sondern im Aussprechen, im Auseinandersetzen, im Aushandeln. Hinein und durch ist der schnellere und nachhaltigere Lösungsweg, auch wenn die „Mach alles wieder gut“-Taste trügerisch eine Abkürzung vorgaukelt.

Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben.

Harry Rowohlt (1945 – 2015, Schriftsteller, Übersetzer und Schauspieler)

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