Bullshit-Bingo mit den nervigen Kollegen

Mit siegesgewissem Lächeln triumpfmarschierte sie durch’s Büro. Sie hatte mal wieder Recht gehabt und das wollte sie jetzt jedem Ungläubigen auf’s Brot schmieren. Das nervte alle und alle regten sich über ihr Gehabe auf. Bis auf einen. Der lächelte und freute sich insgeheim über ihre Show. Warum blieb er so gelassen?

Es gibt gerade auf der Arbeit viel Gelegenheit, die Eigenarten anderer Menschen zu studieren. Oft genug müssen sie ertragen werden, oft genug sorgen sie für Leid und Ärger. Schließlich hängen alle über Stunden aufeinander, müssen miteinander arbeiten obwohl die Sympathie füreinander doch arg begrenzt ist und so kommt es immer wieder zu Theaterszenen, bei denen eine Person die Rolle A und die anderen die Rolle B übernehmen. In Endlosschleife.

Da gibt es die Nörgler. Sie haben immer etwas zu meckern, das Glas ist nie halb voll, sondern immer halb leer, auch wenn es schon überläuft. „Das ist doch alles Käse!“ und „Man müsste endlich mal …“ sind ihr Standardphrasen. Wer immer dieser ominöse „man“ auch ist, bleibt ungeklärt.

Es gibt die angeekelten Besserwisser. In ihrer Welt müssen sie sich ständig mit Leuten abgeben, die unter ihrem Niveau sind. Gott, was sind die anderen dumm! Sie können immer sagen, wie eine Sache ausgehen wird. Und haben sie tatsächlich einmal Recht, reiben sie das allen anderen ungefragt unter die Nase.

Auch die hyperaktiven cholerischen Kollegen können eine Plage sein. Keiner schafft so viel wie sie weg, so fehlerlos, so genial. Das richtige Arbeiten muss den armen Dummchen nur richtig eingebläut werden, gerne so, dass es das halbe Büro mitbekommt.

Bullshit-Bingo mit nervigen KollegenAuf jede dieser Rollen gibt es Standardreaktionen, die sich voraussagbar zu einem festen Tanz wie bei den Kranichen entwickeln. Gelöst wird dadurch nichts, sie befeuern lediglich den Konflikt. Doch wie wäre es stattdessen mit einem inneren Bullshit-Bingo?

„Ich habe es doch gleich gewusst!“ – Bingo!

„Gott, was für eine dämliche Frage!“ – Bingo!

„Können Sie noch nicht mal kopieren??“ – Bingo!

Am Ende des Tages kann der Bingo-Zettel vollständig angekreuzt sein und ich freue mich, dass ich nicht auf das endlose Spiel von Provokation und Reaktion eingestiegen bin. Ich habe das einfach an mir abtropfen lassen. Wenn es jetzt auch noch einen Euro je Kreuz aus dem Lohnbüro geben würde – ich wäre ein reicher Mann.

Zank nicht mit einem Schwätzer /
und leg nicht noch Holz auf das Feuer!

Das Buch Jesus Sirach, Kapitel 8, Vers 3

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Wenn ein sachliches Gespräch entgleitet

Beim Statusmeeting kam es zum Eklat. Nach dem Urlaub stellte die Projektleiterin schwere Versäumnisse während ihrer Abwesenheit fest, die den Projekterfolg akut gefährdeten. Doch statt des erhofften gemeinsamen Schulterschlusses zur Lösung der Probleme entstanden Fronten und tiefe Gräben. Wie konnte das bloß passieren?

Wenn ein Gespräch entgleitet, sind Überraschung, Schaden und Zeitverschwendung groß. Es scheint, als hätten alle Beteiligten etwas „in den falschen Hals“ bekommen, bestünden „stur auf ihren Positionen“ und würden die anderen „einfach nicht verstehen wollen“. Dabei ging es doch eigentlich um die Sache, reine Fakten wurden auf den Tisch gelegt und logische Konsequenzen gefordert. Oder doch nicht? Nein, nichts davon war wirklich der Fall.

Jedes Gespräch, jegliche Art von Kommunikation, bedient gleichzeitig mehrere Ebenen: Diese vier Seiten der Kommunikation lassen sich in einem Quadrat darstellen. Das Modell hilft, ein Gespräch zu analysieren. Da sind zum einen nachprüfbaren Fakten, die klar „wahr“ oder „unwahr“ sind. Das ist die blaue Sachebene. Weiterhin sagen wir alle auch immer etwas über uns selbst aus und wie es uns geht. Was in uns los ist können wir nicht vollständig vor den anderen verbergen. Das ist die grüne Seite der Selbstkundgabe. Es schwingt auch immer eine Beziehungsdefinition mit: wie sehe ich mich im Verhältnis zum Gegenüber, wie sehe ich unsere Beziehung zueinander? Das ist die gelbe Beziehungsseite. Schließlich ist auch immer ein Appell, eine Handlungsaufforderung enthalten, mal deutlich, mal versteckt. Das ist die rote Appellseite.

Die Projektleiterin hat im Eingangsbeispiel ihrem Ärger Ausdruck gegeben. Doch hinter dem Ärger steckte in Wahrheit vermutlich Enttäuschung, eine Traurigkeit über das drohende Scheitern des geliebten Projekts.

Wenn die Traurigkeit das Gespräch bestimmt

Traurigkeit ist fähig, Ärger befeuern, der dann als Außenbeauftragter das Gespräch führt. Oft wird im „Eifer des Gefechts“ aus innerer Enttäuschung geäußerter Ärger. Zum anderen sind Ärger, Wut oder Aggression gesellschaftlich akzeptierter und daher einfacher zu zeigen als Enttäuschung, Trauer oder Verletzung. Weil auch Gesprächspartner leicht Vorwürfe, Angriffe und Herabsetzungen hören und damit automatisch in eine konfrontative Verteidigungshaltung gehen, entgleiten Gespräche in einen Beziehungskampf „unter der Gürtellinie“, anstatt dass sachlich die Fakten „auf den Tisch“ gelegt und ganz „vernünftig Lösungen gesucht“ werden.

Wenn der Ärger das Gespräch bestimmt

Es lohnt sich also, an den Kern der Emotionen heranzukommen, die mich gerade durchschütteln. Das eröffnet Wege für die Verständigung, weil ich dann ehrlicher zu mir und zum Gegenüber sein kann.

Wenn du eine weise Antwort verlangst, musst du vernünftig fragen.

Johann Wolfang Goethe (1749 – 1832, deutscher Dichter)

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Reputation-Management mit Klatsch und Tratsch

Ihr Ehemann genoss bei Freunden einen ausgezeichneten Ruf, selbst seine Gegner zollten ihm Respekt: Großzügigkeit, Weisheit und Gelassenheit präge sein Wesen. Doch seine Ehefrau kannte ihn ganz als aufbrausend, ungerecht und launisch. Bei jedem neuen Loblied fragte sie sich: Was würden wohl die Leute sagen, wenn sie die Wahrheit über ihn wüssten, so wie ich?

Für das positive Bild eines Menschen hat die deutsche Sprache eine Vielzahl von Redewendungen parat: Da hat jemand einen tadellosen Ruf, bürgt mit seinem guten Namen, man wisse man nur Gutes über jemanden zu berichten oder es sei jemand ohne Fehl und Tadel. Gemeinsam ist allen, dass eine Person etwas über eine Andere öffentlich sagt, gar bezeugen kann aus erster Hand, manchmal auch nur vom Hörensagen. Das öffentliche Bild eines Menschen ist davon abhängig, was andere Menschen über sie oder ihn zu sagen bereit ist.

Uns scheint es gleichsam zweifach zu geben. Einmal real, einmal als Abbild und der Ruf, der einem vorauseilt und hoffentlich gut ist. Das kann sowohl der des „harten Sanierers“ sein für einen Betrieb in finanzieller Schieflage oder der einer „Brückenbauerin“ bei schwierigen Verhandlungen. Dieses zweite Porträt gehört uns nicht und wir können es nur zum Teil beeinflussen. Es gibt Rufschädigungen, die unwissentlich oder absichtlich mit Klatsch und Tratsch in die Welt gesetzt werden.

Es gibt viele unterschiedliche Meinungen über die eigene Person

Auch der Ruf anderer Menschen oder von Firmen kann abfärben. Nicht von ungefähr gibt es „due dilligence“ Prüfungen bevor Organisationen miteinander eine Kooperation schließen. Dabei wird analysiert, inwiefern es Gefahren gibt, die die Kooperation und den eigenen guten Ruf gefährden. Und umgekehrt gibt es nicht nur im Märchen die Hoffnung „Möge das Licht Deiner Güte und Weisheit auch mich erleuchten, oh großer König/Fürst/Richter!“

Sobald Menschen erfahren, dass ihr Verhalten von anderen gesehen und beurteilt werden kann, verhalten sie sich kooperativer. Denn wer sich in der Öffentlichkeit als hilfsbereit darstellt, wird mit einem guten Leumund belohnt; unabhängig davon, wie man im Privatleben ist. Wer in das Glück oder das Vorankommen von anderen investiert und das in aller Bescheidenheit ganz öffentlich macht, kann sich Lob und Ehre gewiss sein, weitergetragen durch Klatsch und Tratsch. Dann sagen die Leute „Schaut, wie selbstlos sie/er ist!“

Die sog. Sozialen Medien mit ihrer öffentlichen Wirkung verstärken diesen Effekt, im Guten wie im Schlechten. Was „schlecht“ und was „gut“ ist, hängt dabei vom Kontext ab. Wer in einer Umgebung radikaler Menschen für Mitmenschlichkeit eintritt, ist hier Außenseiter, als brutaler Schläger hingegen hoch angesehen. Auch in schlechten Kreisen gilt es, einen guten Ruf zu verteidigen.

Daher verwundert es nicht, dass Erpressung so ein lukratives Geschäft ist. Die Wahrung des guten Rufs ist den Opfern eine Menge Geld wert. Lieber lässt man sich die Hand abhacken, als dass man über sich schlecht geredet haben will. Whistleblower, also Verräter von Geheimnissen, die besser unveröffentlicht blieben, leben nicht umsonst gefährlich. Denn manchmal lässt sich der gute Ruf nur noch mit Gewalt aufrechterhalten.

Audrey Hepburn war sich stets vollkommen sicher, wer sie war und wie sie von uns gesehen werden wollte.

Richard Avedon (1923 – 2004, US-amerikanischer Fotograf)

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An der Projekttanksstelle gibt es heute kein Benzin

Der Chef hatte mit leuchtenden Augen von einer neuen Idee gesprochen, für die er das Projektteam begeistern wollte. Während einige pflichtbewusst zustimmten, blieb ein Kollege merkwürdig still. Das Team wollte nun auch seine Meinung hören. Ehrlich gesagt fand er den Vorschlag „Unsinn“. Doch wie sollte er das sagen, ohne jemanden zu verletzen?

Manchmal bekomme ich Vorschläge, die mich innerlich rebellieren lassen, ohne dass ich weiß, warum ich so auf die Barrikaden gehe. Zum Glück trage ich das nicht jedes Mal sofort nach außen, denn sonst käme nur ein wildes verstörendes Satzungetüm raus. Erstmal will ich mir klar werden, warum mich diese Idee, dieses Anliegen so aufregt. Denn auf den ersten Blick kommt es freundlich daher, scheint sinnvoll zu sein und eine Ablehnung steht eigentlich außer Frage.

Kein Treibstoff für diese Idee

Mit ein wenig Ruhe, manchmal erst am nächsten Morgen, bekomme ich dann den Grund für meine Ablehnung zu fassen. Im Falle eines Projektvorschlages meldet sich bei mir mein innerer Tankwart. Der steht vor der Zapfsäule, der Treibstoff (also meine Energie für das Leben) ist streng rationiert. Er soll schließlich für alles reichen, was ich so mache: Arbeit, Familie, Freunde und meine eigene Kreativität. Da komme ich also an und möchte Benzin und der Tankwart will wissen, wofür. Ich erzähle es ihm. Kritisch hört er zu – er scheint den Erfolgsaussichten des Vorhabens zu misstrauen. Da ruft er nach seinem Kollegen, der nebenher Buchmacher ist. Der hört sich das alles nochmal an, schaut nach ähnlichen Ideen und Projekten in der Vergangenheit, betrachtet das aktuelle Umfeld mit seinen Herausforderungen und kommt zu dem Schluss: auf den Erfolg dieser Idee würde er nicht wetten. Auch wenn sie auf den ersten Blick noch so gut klingt. Der Tankwart nickt, das Ergebnis hat er wohl erwartet. Dafür gibt er kein Benzin raus und so bleibt mir die Zapfsäule versperrt. Denn schließlich gibt es ja noch Familie, Freunde und meine eigene Kreativität, die von dem knappen Gut „Energie“ etwas brauchen.

Wenn mir das klar geworden ist, bin ich auch nach außen sprechfähig. Ich kann die Initiative wertschätzen, die Erfolgsaussichten als gering beschreiben und daher meine Ablehnung gut begründen. Oft mit der überraschenden Erfahrung, dass Umstehende das so ähnlich sehen, es aber nicht hätten ausdrücken können. Wohl dem, der einen guten Tankwart hat.

Prioritäten setzen heißt auswählen, was liegen bleiben soll.

Helmar Nahr (1931-1990, dt. Mathematiker und Wissenschaftler)

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Wenn ich im Streit einen Wunsch frei hätte …

Die Auseinandersetzung hatte harmlos angefangen, doch mittlerweile hatten sich die beiden Streithähne wie Bullterrier ineinander verbissen. Da sagte der eine zum anderen: „Was willst Du denn jetzt von mir?“. Und der Andere, der war still. Denn genau das konnte er nicht sagen. Wie konnte ihm das nur passieren?

Manche Konflikte haben es wirklich in sich. Der Ausgangspunkt ist irgendwann in Vergessenheit geraten, Schicht um Schicht sind Vorwürfe und Rechtfertigungen aufeinandergelegt worden bis die Ursache des ganzen Streits metertief darunter begraben ist. Und noch viel weiter entfernt ist eine Lösung. Denn keiner kann mehr sagen, was genau sie oder er sich von seinem Gegenüber wirklich wünscht. Oft genug kommen Sätze wie „Du sollst nicht mehr …“, „Hör endlich auf damit zu …“ oder „Ich will von Dir nicht mehr …“. Allesamt Negativwünsche, die dem Anderen keinen Weg zur Aussöhnung zeigen. Oft genug kann ich gar nicht mehr sagen, was ich wirklich vom Anderen will.

Es kann dann helfen, sich selbst ein wenig zu strukturieren, damit ich klarer werde in dem, was ich von meinem Gegenüber gerne möchte. Vier Schritte gehören dazu:
Vier Schritte führen zum Ziel

  1. Beobachtung: um was genau geht es jetzt gerade? Kann ich das überprüfbar beschreiben? Zum Beispiel: „Wenn ich sehe, wie verschmiert die Zahnpastatube ist, nachdem Du sie benutzt hast …“ lässt sich objektiv nachprüfen.
  2. Befinden: was macht das Beobachtete mit mir? Es gibt einen Einblick in meine innere Gefühlslage. Zum Beispiel: „… dann ärgere ich mich, …“
  3. Bedürfnis: was bräuchte ich denn eigentlich und bekomme es nicht? Zum Beispiel: „…, weil ich die Tube sauber brauche und meine Hände nicht mit Zahnpasta beschmiert werden. Das hilft mir, morgens gut gelaunt und pünktlich aus dem Haus zu kommen.“
  4. Bitte: Und was soll mein Gegenüber jetzt tun? Das ist keine Forderung, sondern eine positiv formulierte Bitte, die im Zweifelsfall auch unerfüllt bleiben kann. „Deshalb bitte ich Dich, die Tube mit Wasser abzuwischen, bevor Du sie wieder zurücklegst.“

In einem Rutsch: „Wenn ich sehe, wie verschmiert die Zahnpastatube ist, nachdem Du sie benutzt hast, dann ärgere ich mich, weil ich die Tube sauber brauche und meine Hände nicht mit Zahnpasta beschmiert werden. Das hilft mir, morgens gut gelaunt und pünktlich aus dem Haus zu kommen. Deshalb bitte ich Dich, die Tube mit Wasser abzuwischen, bevor Du sie wieder zurücklegst.“ So weiß mein Gegenüber, wie es mir geht, warum das so ist und was ich jetzt wirklich will.

Das Beispiel mit der Zahnpastatube kann lächerlich erscheinen. Es gibt meiner Erfahrung nach jedoch unzählige langandauernde Streits, die sich daran entzündet haben.

Sollten Ihnen meine Aussagen zu klar gewesen sein, dann müssen Sie mich missverstanden haben.

Alan Greenspan (*1926, ehem. Vorsitzender der US-Notenbank, berühmt-berüchtigt für seine kryptischen Aussagen)

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So gelingt die Gerüchteküche

Im Unternehmen blieb wohl kein Stein mehr auf dem anderen. Eine Umstrukturierung machte die Runde, ganze Betriebsteile sollen geschlossen werden. Doch offiziell war das alles nicht. Die Chefetage war abgetaucht und die Mitarbeitenden waren ratlos: welchem der Gerüchte sollten sie denn nun glauben?

Unabhängig vom Alter eines Unternehmens gibt es immer wieder Anpassungen der Strategien, Strukturen und Personalstärke. Für die Betroffenen ist das eine Zeit der Unsicherheit, denn schließlich hängen Familien, Wohnorte und Zukunftspläne daran, ob es weiterhin einen Job gibt oder nicht. Also ist der Informationsbedarf in der Belegschaft hoch, während in der Geschäftsführung der Informationswille niedrig ist: Zum einen will sich keiner in die Karten schauen lassen. Zum anderen sind viele Fakten auch noch nicht klar. Diese ergeben sich erst im Laufe des Prozesses.

In der Gerüchteküche brodelt esDoch wer die Gerüchteküche richtig hochkochen lassen will, fängt an dieser Stelle an mit Informationen zu geizen, macht sich rar und bleibt alles in allem im unnahbaren Ungefähren. Das kann auch als Illoyalität gegenüber den Angestellten interpretiert werden. So entsteht ein leerer Raum voll enttäuschter Erwartungen. Dieser Raum beginnt sich langsam mit Gerüchten zu füllen. Bei diesen Gerüchten ist oft weniger der Inhalt interessant, als das, was mittlerweile für möglich oder wahr gehalten wird: „Die ganze Personalabteilung hat Rechtsschutzversicherungen abgeschlossen!“, „Jeder muss sich auf seine Stelle erneut bewerben!“, „Es werden 25 Prozent von uns entlassen!“ Egal, ob sich das als richtig herausstellen wird, die Qualität der Gerüchte sagt viel über die Stimmung im Unternehmen aus.

„Wir können doch noch gar nichts sagen. Denn es ist noch nicht fertig geplant / entschieden / genehmigt.“ Mit diesem Argument wird oft der Wunsch nach Gesprächen zurückgewiesen. Dabei verlangt auch die Belegschaft nicht nach ultimativen Fakten. Blöd sind die Angestellten ja nicht (sonst wären sie auch nicht eingestellt worden), jeder weiß, dass sich im Laufe der Umstrukturierung neue Dinge ergeben können. Gleichzeitig gilt: Je länger die Unsicherheit, desto größer die Enttäuschung und desto höher die Gefahr, dass gerade jene freiwillig kündigen, die doch eigentlich für die Zukunft gebraucht werden. Und eine demoralisierte Mitarbeiterschaft muss später mühevoll wieder an Bord geholt werden. Daher sollte es doch wenigstens ein Dialogangebot geben.

Für einen Dialog, in dem ich als Angestellter sagen kann, was das Ganze mit mir macht, mit meiner Familie, mit meinen Zukunftsplänen. Ein Dialog, in dem die Geschäftsführung oder von ihr beauftragte Personen vor allem zuhören, Verständnis zeigen und die Stimmung aufnehmen. Ein Dialog, der entlastet, alleine dadurch, dass er stattfindet. Dieser Dialog ist prozessorientiert, nicht lösungsorientiert. Wer fertige Lösungen verlangt oder anbieten will, unterschätzt die motivierende Kraft des Zuhörens und Miteinander-Redens. Denn wer weiß, wen ich von einer Kündigung abhalte und welch gute Ideen in einem solchen Gespräch entstehen können – zu beiderseitigem Nutzen.

Man kann nicht nicht kommunizieren.

Paul Watzlawick (1921 – 2007, österreichisch-amerikanischer Kommunikationswissenschaftler, Psychotherapeut, Soziologe, Philosoph und Autor)

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Die „Mach alles wieder gut“-Taste

Wie aus dem Nichts eskalierte der Streit. Ähnlich wie bei einem heftigen Gewitter prasselten die Vorwürfe auf das Paar nieder und am Ende, mit einem großen Donnerschlag, knallte sie die Wohnungstür zu und zog aus. Wie hatte es in einer Stunde nur so weit kommen können?

Hinein und durch zur grundlegenden LösungManchmal sind es nichtige Anlässe, die ganz am Anfang einer Kettenreaktion stehen, die keiner wollte und gleichzeitig jeder befeuerte: die vergessene Sonnenbrille zum Beispiel. Oder der falsch bestellte Wein. Auch ein Klassiker: das dreckige Geschirr. Wenn der Streit schnell vom konkreten Anlass zum Grundsätzlichen eskaliert, war zwar der Anlass nichtig, doch die darunterliegende Ursache wichtig. Da geht es vielleicht um verdiente und nicht gewährte Anerkennung, mangelnde Wahrnehmung oder vermisstes Zueinanderstehen.

Irgendwo, auf halbem Weg zum katastrophalen Ende, wird so manchem angst und bange und er oder sie würde am liebsten die „Mach alles wieder gut“-Taste drücken. Das Gewitter verzöge sich, die Sonne schiene wieder und Friede zöge ein ins Land. Doch nur scheinbar, denn um dieses lieben Friedens willen wird nicht der Ursache für das heftige Zerwürfnis auf den Grund gegangen.

Damit wird eine Chance vergeben, Missbehagen, Missgunst und Missverständnisse offen anzusprechen. In einem Streit wird gegeneinander gekämpft und eine vernünftige Lösung ist dadurch erschwert. Doch dem Ganzen aus dem Weg zu gehen, begründet oft einen kalten Krieg, der Jahre des Lebens vergiften kann.

Die Lösung liegt so gut wie nie im Aussitzen, sondern im Aussprechen, im Auseinandersetzen, im Aushandeln. Hinein und durch ist der schnellere und nachhaltigere Lösungsweg, auch wenn die „Mach alles wieder gut“-Taste trügerisch eine Abkürzung vorgaukelt.

Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben.

Harry Rowohlt (1945 – 2015, Schriftsteller, Übersetzer und Schauspieler)

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Ungehaltene Rede an einen verlorengegangenen Freund

Ihre Eltern verbrachten immer gemeinsam die Sommerferien in Südfrankreich. Sie, die Jungs, waren beste Freunde und teilten die Schulbank, den Sport und viele Geheimnisse miteinander. Doch eines Tages gingen sie im Streit auseinander und hatten sich seitdem nicht mehr gesehen. Jetzt stand ein Urlaubsrevival anlässlich der Goldenen Hochzeit der Eltern an. Wie sollten sie nun einander begegnen?

Es gibt Situationen, in denen man sich wünscht, dass sich vor einem ein großes Loch im Boden auftut, in das man verschwinden könnte. Oder dass man am Morgen aufwacht und das Problem hat sich in Luft aufgelöst. Doch in der Regel ist es unvermeidlich, sich diesen Herausforderungen des Lebens zu stellen, mit all seinem inneren Chaos. Diese Aufgewühltheit wird genährt durch Gefühle wie Trauer, Angst, Ärger, Zorn und Unsicherheit, die alle zur gleichen Zeit da sind. Mal ist der Ärger größer, mal die Trauer, dann wieder die Angst.

In einer solchen Situation kann einen schnell die Sprachlosigkeit befallen. Außer einem „Grmpfl!“ kommt kein klares Wort heraus. Manchmal bricht sich jedoch eines der Gefühle Bahn und dann bin ich nach außen hin ganz wilder Wüterich, dramatischer Deprimierter oder heulender Hoffnungsloser. Alles in allem sind das keine Voraussetzungen, die ein Wiedersehen nach langer Zeit entspannt erscheinen lassen. Zumal ich nicht alleine mit der Situation bin. Auch in meinem Gegenüber geht es, jede Wette, drunter und drüber.

Eine ehrliche Rede – nicht – haltenBevor nun eine Eskalation droht, könnte ich eine Rede verfassen: eine ungehaltene Rede an einen verlorengegangenen Freund. Darin käme vor, was wir erlebt und erlitten haben; was zum Bruch führte; wie ich mich dabei fühlte (war ich traurig, verletzt, enttäuscht, wütend, verlassen?) und was ich von mir halte (bin ich mitschuldig, bin ich im Recht?). Ich würde darüber reden, wie ich meinen Freund sehe, damals und heute: halte ich ihn für schuldig, für ein Opfer der Situation, finde ich ihn undankbar, unzuverlässig oder unersetzlich? Und schließlich würde ich sagen, was ich mir wünsche, denn wie am Schluss jeder guten Rede kommt ein Wunsch: ein Toast auf die Gäste; eine Geste, die in die Zukunft weist.

Diese Rede muss nicht gehalten werden, sollte es vielleicht auch nicht. Sie dient alleine der Selbstklärung, schonungslos, da ist Platz auch für derbe Formulierungen oder weinerliche Passagen. Es gilt: Wahrheit vor Schönheit. Und nach dieser Klärung kann ich viel leichter, viel sortierter, meinem Freund begegnen und sagen, was Sache ist.

Eine unklare Rede ist ein blinder Spiegel.

Japanisches Sprichwort

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Das Rehlein mit den Haifischzähnen

Im Restaurant scherzte sie, lächelte entwaffnend und ließ mit einem charmanten Augenaufschlag den Kellner für sich springen; sekundiert von ihrer Mutter und unterwürfig begleitet von ihrem Freund. Nur der Vater schien gegen immun gegen ihr Erfolgsrezept zu sein. Er fragte sich: „Warum sieht keiner, dass meine Tochter eine Despotin ist?“

Schon Kinder lernen Verhandlungen zu führen, um das zu bekommen, was sie haben möchten. Erfolgreiche Strategien werden vervollkommnet und ins Standardrepertoire aufgenommen. Das geschieht im Spiel mit anderen Kindern und noch intensiver im alltäglichen Kontakt mit den Eltern. Je unterschiedlicher die Übungsszenarien waren, um so vielfältiger ist meine Fähigkeit, auf Umstände und Situationen zu reagieren. So steht am Ende der Jugend idealerweise ein ganzer Fundus von Verhaltens- und Verhandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, um souverän sowie konflikt- und entscheidungsfähig zu sein. Bleiben diese Anregungen aus Argumentieren, Ausprobieren, Erfolg, Misserfolg und Verbesserungsschleifen aus, bin ich eingeschränkt handlungsfähig.

Einsames RehIn der Folge nutzen manche daher die Rehlein-Strategie: „Ich bin klein, ich bin unschuldig, ich brauche Hilfe – Du wirst mir meine Bitte doch nicht ernstlich abschlagen können?“ Natürlich geht das mit der Bambi-Masche auch mal schief. Dann wird mit einem Wimpernschlag aus dem Reh ein Haifisch, der die Zähne bleckt, böse Worte ausspuckt, herablassend wird und zur Strafaktion aus Verweigerung und Forderung nach demütigendem Kniefall greift. Austausch von Argumenten? Verhandlungen über gegenseitige Interessen? Fehlanzeige. Entweder ich bekomme das, was ich will (dann bin ich Zuckerbrot) oder ich werde unangenehm (und nehme die Peitsche). Man würde es dieser anmutigen, eleganten Erscheinung nicht ansehen, mit welcher unerbittlichen Schärfe sie ihren Gegnern zu Leibe gehen kann. Das gibt es natürlich auch bei Männern in der Variante „Sonnyboy mit Wolfsgebiss“.

Doch wie einer solchen Person begegnen?

Man kann sich zum Beispiel die Mühe machen, sich direkt an die Person hinter der Maske zu wenden, also die ganze Show zu ignorieren. Das ermöglicht einen echten ehrlichen Kontakt auf Augenhöhe, von Mensch zu Mensch. Wahrscheinlich ist der Mensch hinter der Maske einsam: In der Jugend beliebt und umschwärmt, aber nicht ehrlich gemocht ↗. Denn auf Dauer macht es Niemandem Spaß, immer dann zu springen, wenn jemand „Spring!“ ruft. Wie gesagt: man könnte sich diese Mühe machen. Oder es einfacher haben und diesen Menschen aus dem Wege gehen. Zurück bleibt vielleicht ein Kind, dessen Reh- und Haifischspiel aus dem Ruder gelaufen ist und sich verselbständigt hat. Und dieser Jemand kommt nun aus der selbstgebauten Falle nicht mehr heraus.

Der Selbstsucht muss man immer verzeihen,
weil keine Hoffnung besteht, sie zu bessern.

Jane Austen (1775 – 1817, britische Schriftstellerin)

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Der Donald Trump in uns

Der Streit zwischen den Eheleuten eskalierte: „Du verhältst Dich wie Donald Trump!“, blaffte sie ihn an. „Für Dich gibt es immer nur schwarz oder weiß!“ Und schwupps! war sie selbst in die Populismus-Falle getappt. Musste das sein?

Kaum ein Abend mit Freunden vergeht, ohne dass „Herr T. aus W.“, der US-amerikanische Präsident also, Teil des Tischgesprächs wird. In der Regel echauffiert man sich über seinen populistischen Stil  und behauptet unisono: „Typisch amerikanisch! Könnte mir nie passieren!“ und ist dabei selbst im Trumpschen Duktus gelandet.

Im Streit gehen die Zwischentöne verlorenAuch bei Streits zwischen Partnern geht es populistisch zur Sache. „Nie beachtest Du mich! Du merkst noch nicht mal, wenn ich beim Friseur war!“. Oder: „Immer nörgelst Du an mir herum! Kann ich nicht einmal meine Ruhe haben?!“ Dazu noch etwas Derbheit wie „Meine besten Jahre habe ich mir Dir dickem Wildschwein verschwendet! Jetzt bin ich dran!“ Fertig ist der Populismus. Seine Kenzeichen: Dramatisierung und Vereinfachung.

Wenn die Emotionen hochkochen, haben wir einen Tunnelblick, der ein klares Freund-Feind-Schema mit sich bringt. Wer sich im Krieg mit dem Scheidungspartner, dem verhassten Kollegen oder „dem System“ wähnt, verteidigt sich aggressiv. Zwischentöne, Grauschattierungen, differenzieren – all‘ das ist – voilà: weibischer Kinderkram.

Doch erst wenn ich merke, dass mein Gegenüber mich und meine Meinung ernst nimmt; darüber nachdenkt, ob ich vielleicht nicht auch Recht haben könnte, bin ich bereit, eine Brücke zur Verständigung in Erwägung zu ziehen. Differenzieren ist der Anfang vom Ende des Populismus. Aus „immer“ wird erst „häufig“ und später „in Situation x und Situation y war es so …“. Aus „nie“ wird irgendwann „genau dann hast Du nicht … und es hätte mir so gut getan.“

Vielleicht hilft es, sich eine Donald Duck Figur zu kaufen und sie beim nächsten Streit in Sichtweite zu platzieren. Damit sie einen daran erinnert, dass man selbst so aufgeregt polemisieren kann wie ihr Namensvetter im Weißen Haus.

Das meiste, was Menschen zu besprechen haben, gewinnt durch Abwarten, Nachdenken und wohl überlegtes Formulieren.

Stefan Schwarz (*1965, Verfasser von Kolumnen, Romanen und Theaterstücken)

 

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