No pressure – no diamonds! Echt jetzt?

Täglich wird an ihn appelliert, wie er der kommenden großen Krise begegnen solle. Mal wird er an seinen Sinn für Zusammenhalt erinnert, mal zum Durchhalten aufgefordert. Doch als er mit Diamanten verglichen wird, fragte er sich: „Echt jetzt“? Eine Widerrede gegen ein misslungenes Motivationsbild.

Krisenzeit ist Appellzeit. Plötzlich sitzen „alle in einem Boot“, wobei nicht klar ist, ob es ein gemeinschaftlich geteiltes Boot ist. Manche sitzen auf einer Yacht, andere in einem Schlauboot. Wir alle sollen „den Gürtel enger“ schnallen. Manche halten damit den Bauchspeck zusammen, andere schnüren sich die Luft zum Atmen ab. In Organisationen und Firmen wird auch gerne die „Familie“ bemüht, zu der doch alle gehörten. Gemeint ist dabei oft, dass man die eigene Familie im Stich lassen solle, um für die Familienfamilie noch ein paar Überstunden zu machen.

Ein Chef rennt voran und verlangt von Mitarbeitern zu Diamanten zu werdenViele dieser Formulierungen sorgen bei den Empfängern nicht für Motivation, sondern für Kopfschütteln. Besonders misslungen finde ich das Bild „No pressure – no diamonds“ (Kein Druck – keine Diamanten). Diese Formulierung wird gerne von Führungskräften verwendet, um die Mitarbeitenden zu Höchstleistungen anzuspornen. Aber wie entstehen eigentlich Diamanten?

Diamanten bestehen aus reinem Kohlenstoff, einem chemischen Element. Kohlenstoff ist, neben anderen Stoffen, ein Abfallprodukt, das bei der Verbrennung organischer Materialien entsteht. Diamanten können mit Hilfe der Diamantsynthese künstlich hergestellt werden. Dabei wird der Kohlenstoff in flüssigen Schwermetallen wie (gesundheitsschädlichem) Nickel oder Eisen bei hohem Druck und hohen Temperaturen gelöst. Es geht dabei richtig heiß zur Sache: 1.200-1.600°C werden benötigt (Wasser kocht bei 100°C). Und auch der Druck ist nicht von Pappe: 35.000 bis 50.000 bar beträgt er. Zum Vergleich: der mittlere Luftdruck beträgt rund 1 bar.

Wenn eine Führungskraft also mit dem Satz „No pressure – no diamonds!“ motivieren will, meint sie damit tatsächlich, dass die Mitarbeitenden verbrannt werden sollen (also bis zum Burn-out arbeiten), um sie dann bei passenden Gelegenheiten ordentlich zusammenzufalten (Druck auszuüben)? Hoffentlich nicht. Vielleicht haben sie vielmehr Marylin Monroe im Hinterkopf:

Diamonds are girl’s best friends

Aus dem Film “Gentlemen Prefer Blondes“ (Blondinen bevorzugt)

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Wer sagt schon, wie es einem wirklich geht

In der Sitzung der Geschäftsführung ging es wie immer um Umsatzziele, Lieferprobleme und Reduzierung von Kosten. Als ein Mitglied dann den Krieg in der Ukraine ansprach und einige Tränen fließen ließ, trat betretenes Schweigen ein. Und manche dachten: „Gehört das nun wirklich hierher?“

Professionelles Verhalten in Zeiten eines nahen Krieges nach zwei Jahren Leben mit einer globalen Pandemie und einer verheerenden Flutkatastrophe letzten Sommer kann sehr unterschiedlich aussehen. Alle versuchen, so weit wie möglich arbeitsfähig zu bleiben, damit notwendige Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden. Niemandem ist offiziell daran gelegen, einfach aus allem auszusteigen und sich ganz den eigenen Bedürfnissen zu widmen.

Doch tief im Innern fühlen viele Menschen eine große Erschöpfung und Überforderung. Das Bedürfnis nach erholsamem Schlaf ermisst sich für manche weniger in Stunden als in Wochen und die Ratlosigkeit raubt so manchem den letzten Nerv. Im Job gilt es zu performen, also Leistung zu bringen; in der Familie ist Stabilisierung angesagt, für die Kinder, die Partner, die Eltern. Also: Zähne zusammenbeißen und durch!

So wird manchmal Stärke gezeigt, auch wenn sie nicht vorhanden ist. Bricht ein Mensch die Konventionen und zeigt die eigene Verletzlichkeit, Erschütterung oder gar Angst, wird schnell ein Becher Schlagsahne über alles gegossen: „Uns geht es doch ganz gut …“, „Wir haben viel erreicht …“, „Wir können noch mehr erreichen …“ Es gilt der Dreisatz: „Weiter – höher – schneller“. Bitte nicht „Stop – langsamer – zurück“ sagen, das bringt mühsam errichtete Gebäude der Selbsttäuschung ins Wanken.

Erschöpfung im März 2022

Dabei ist es verquer, so zu tun, als hätten wir alles im Griff. Das entspricht weder der Realität noch ist es authentisch. Ein stimmiges Verhalten, das sowohl mir selbst gemäß ist als auch der Situation angemessen ist, würde auch das Äußern von Zweifeln und Ratlosigkeit erlauben. Manche finden das daneben, weil es gerade im Arbeitskontext keinen Platz hätte. Alle mögen sich doch bitte anpassen, also eigene Bedürfnisse hintenanstellen.

Diejenigen, die den Krieg und die damit einhergehenden Belastungen übertünchen, verlieren meiner Meinung nach den Kontakt zum Gegenüber. Wer in der aktuellen Situation angemessen authentisch ist, kann Menschen wirklich erreichen. Ob Tränen dazu gehören, soll allein die Person entscheiden, die sie in sich aufsteigen fühlt.

Mich regt die Tatsache auf, dass sich niemand aufregt.

Dieter Hildebrandt, (1927 – 2013, deutscher Kabarettist)

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Ungeduld ist eine große Stärke

Die Diskussion hatte sich mittlerweile weit vom ursprünglichen Thema entfernt. Längst war die Gruppe in Spekulationen vertieft. Auch wenn es wichtig war, dass alle zu Wort kommen, wurde sie doch unruhig: Konnte das Ganze nicht mal ein bisschen schneller gehen?

In Märchen gibt es zwei zentrale Motive: auf der einen Seite gibt es eine*n kluge*n König*in, die/der die Streitigkeiten seines Volkes durch weise Entscheidungen schlichtet. Auf der anderen Seite gehen Menschen auf lange Reisen, um auf vielfach verschlungenen Wegen ein Rätsel zu lösen oder unter Gefahren einen Schatz zu finden. Als Belohnung winken ein Geliebter, eine Prinzessin oder gleich ein ganzes Königreich. Natürlich wünschen auch wir uns in unserer modernen Gesellschaft manchmal, dass kluge Führungsköpfe durch weise Worte den richtigen Weg weisen. Doch stattdessen irren wir oft genug orientierungslos durch das Dickicht von Themen, unfähig, eine eindeutige Entscheidung zu treffen.

Ungeduldige schieben Projekte oft alleine voran

Soll ein Thema umfassend in einer Gruppe betrachtet werden, kommen immer neue (oder immer wieder die gleichen) Argumente auf den Tisch. Die Problem-Hierarchie wird wild durcheinander gewirbelt und Patt-Situationen scheinen unausweichlich. Besonders Menschen, die ihr Leben „nachhaltig“ ausrichten wollen, müssen nach verschiedenen Kriterien ein Produkt oder eine Dienstleistung auswählen. Denn sie wollen, dass ihr Konsum möglichst geringe Folgen auf Menschen und Umwelt hat. Das kann zu einer frustrierenden Lähmung führen, weil es zu jeder positiven Seite immer auch eine negative gibt.

Das ist die große Stunde der Ungeduldigen, denen der Geduldsfaden reißt und die damit die gärende Unzufriedenheit offen sichtbar machen. Denn mitnichten sind sie die einzigen, die einen schnelleren Fortschritt haben wollen. Höflichkeit, Konventionen, Schüchternheit – das alles sind gute Gründe, um den Dingen ihren langsamen Gang zu lassen. Irgendwann einmal muss das nachsichtige Ertragen und Abwarten aber ein Ende haben und die Ungeduldigen nehmen die ganze Schuld auf sich, als voreilige Spielverderber zu gelten. Heimlich jedoch freuen sich viele, dass da jemand anderes das aussprach, was auch sie dachten und endlich zur Tat schreitet. Oft genug schieben sie dadurch Projekte voran, die sich sonst keinen Millimeter bewegt hätten.

Geduld ist eine gute Eigenschaft. Aber nicht, wenn es um die Beseitigung von Missständen geht.

Margaret Thatcher (1925 – 2013, erste weibliche Premierministerin des Vereinigten Königsreichs)

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Von der toxischen Sucht, ein Ziel zu erreichen

In jedem Problem steckt eine Chance war ihr Motto. So hatte sie es geschafft, trotz aller widrigen Umstände als erste in der Familie zu studieren, eine Wohnung zu kaufen und so wollte sie auch die Pandemie zu ihrem persönlichen Durchhalte-Erfolg machen. Schließlich erreichte sie immer ihre Ziele. Doch wie passt da nun ihr aktueller Aufenthalt in der Burnout-Klinik hinein?

Karrieremenschen, Sparfüchse, Optimisten, Eigenständige und Lebenshungrige haben eines gemeinsam: Sie alle können weit über das Ziel hinausschießen, das sie ursprünglich erreichen wollten. Denn immer wieder passiert es, dass ein Ziel zum Selbstzweck wird. Dann geht es nicht mehr darum, eine besondere Herausforderung oder ein zugrundeliegendes Problem zu lösen, sondern nur noch, eine einmal gesetzte Marke zu erreichen und danach immer wieder neu zu übertreffen.

Statt nur genügend Geld für ein auskömmliches Leben zu verdienen, geht es dann um die ersten 50.000, 100.000 oder 500.000 Euro auf dem Konto. Und danach um die nächste Stufe, die nächste Zahl. Das ursprüngliche Ziel ist vergessen, so dass selbst unermesslich reiche Menschen immer weiter Geld ansammeln. Nicht nur mit der Gier funktioniert das, sondern auch mit dem Geiz: Pfennigfuchser sparen immer noch mehr (Geld, Strom, Wasser, …) bis hin zur lebensfeindlichen Askese.

Wer nun glaubt, dass nur Perfektionisten der krankmachenden Zielverherrlichung frönen, sollte sich nicht zu sicher wähnen. Alle Menschen können Sklaven ihrer selbst werden. Wechselhafte Menschen, die vieles anfangen ohne etwas zu Ende zu bringen, haben den Wunsch, nichts zu verpassen. Sie wollen jede Gelegenheit zu nutzen, etwas noch Attraktiveres finden. Das Gras scheint auf der anderen Seite des Zaunes noch grüner zu sein und so wird von Weide zu Weide galoppiert.

Sich selbst wie ein Teufel von Ziel zu Ziel treiben

Menschen, denen besonders an Harmonie gelegen ist, kümmern sich um die Bedürfnisse von anderen bis hin zur Selbstaufgabe. Oft ist das den Geholfenen selbst schon zu viel Unterstützung, doch davon lassen sich selbstermächtigte Samariter nicht abhalten. Menschen, die viel Zeit für sich brauchen, können bis hin zur Grantigkeit auf eigene Freiräume bestehen. Bis schließlich der Schutz der Privatsphäre zu einem Haus der Einsamkeit wird.

Auch Optimisten können über das Ziel hinausschießen. Sich auf die Chancen zu konzentrieren, kann zum Handeln motivieren. Doch weil sie die Realität ausblenden, fordern Zwangsoptimisten auch von Verzweifelten „Erkenne, wie gut Du es doch hast!“ Mit klassischen Ablenkungsmanövern werden Zusammenhänge zwischen Dingen hergestellt, die nichts miteinander zu tun haben. Das wird auch „What aboutism“ genannt. „What about“ meint: „Und was ist mit …?“ Beispiel: „Und was ist mit den Menschen im Jemen? Denen geht es doch viel schlechter als Dir.“ Dabei hat der Bürgerkrieg am Horn von Afrika nichts mit meiner persönlichen Notlage zu tun. Oder Kinder, die früher ihren Spinat nicht essen wollten, bekamen die hungernden Altersgenossen in Biafra vorgehalten. Das sind aus meiner Sicht sinnlose Totschlagsargumente.

All diesen übersteigerten Zielverfolgungen liegt ein guter Kern zugrunde, der einmal Auslöser und Motivator für Handlungen war. Dem Kern fehlt dann jedoch eine bremsende, ausgleichende Gegenmotivation. Es ist wie mit jedem Wirkstoff: in geringer Konzentration können sie eine gute Medizin sein. Im Übermaß verabreicht wirken sie wie ein tödliches Gift.

Ein Beispiel: Eine Person, die braun werden will, verbrennt ihre Haut, wenn sie nicht hin und wieder in den Schatten geht. Sie muss das Sonnenbad unterbrechen, damit sie gesund bleibt und nicht an Hautkrebs leiden wird. Wandelt sich das Vorhaben von „braun werden“ zu „brauner werden als alle anderen“ verselbständigt sich das Ziel. Es braucht als Ausgleich die Erlaubnis an sich selbst, auch mal die Sonne zu meiden.

Um in die Harmonie zu kommen, sollten sich Gierige als Ausgleich Großzügigkeit erlauben, Geizige ein wenig Großmut und Lockerheit, Samariter ein wenig Eigenständigkeit und Egoisten ein wenig Offenheit für andere Menschen. Optimisten dürfen auch mal verzweifelt sein. Denn wer wie ein Sklave sein einmal gefasstes Ziel nur um des Zieles willen verfolgt, endet in der Regel krank und einsam.

Erst wenn man weiß, was Angst ist, bekommt man Mut. Nur der ist wirklich mutig, der seine Angst zu bezähmen weiß.

Der Druide Miraculix in „Asterix und die Normannen“

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2020 war das Jahr der Freiheit, nicht der Problemsäcke

Für manche war 2020 das schlechteste Jahr aller Zeiten, andere betonten immer wieder, wie besonders und einzigartig negativ das vergangene Jahr war. Vielen ist die Erleichterung anzumerken, dass 2020 endlich vorbei ist. Ungläubig werden diejenigen angeschaut, die sagen: „Für mich war es ein gutes Jahr“. Wie kann das sein?

Traditionell werden zum Jahreswechsel Rück- und Ausblicke gehalten: was war gut, was war nicht gut und was sind die Pläne für die kommenden Monate. Dabei kann ich zwei Brillen aufziehen: die Problembrille und die „So isses“-Brille. Es gibt Menschen, die haben eine gewisse Übung darin, durch die Problembrille zu schauen. Die tragen ständig einen Sack voller Probleme mit sich herum, sehen Grenzen (ein anderes Wort für Problem) und warnen vor Risiken (noch ein Synonym für Problem).

Das Wort „Problem“ entstand im 16. Jahrhundert mit der Bedeutung „Schwierigkeit, Aufgabe“ aus dem Griechischen „das Vorgelegte“. Sprachlich verwand ist die Parabel, ein Beispiel oder Gleichnis sowie die mathematische Beschreibung einer Kurve, bei der die Punkte aufsteigend und absteigend den gleichen Abstand zum Brennpunkt haben.

Vom ursprünglichen Wortsinn ist also keine negative Interpretation eines Problems vorgegeben, sondern es zeigt einen gegebenen Zustand an, der eines Umganges bedarf. Sprich: so isses und damit müssen wir jetzt leben.

Ein Mensch ächzt unter Problemen, eine Taube fliegt in die FreiheitDie Träger der „So isses“-Brille verweigern die von vornherein negative Interpretation einer Situation und erhalten sich dadurch die Freiheit, aktiv zu werden und das Geschick im besten Sinne zu beeinflussen. Freiheit – die wird weltweit hundertfach besungen im Lied „La Paloma“ (Die Taube). Übertragen auf die Parabelkurve bedeutet das: Ob ich bei einer gegebenen Situation meinen Blick nun nach links richte (rückwärts in die negative Problematisierung) oder nach rechts (vorwärts in die Zukunft) ist genau die gleiche Entfernung, eingesetzte Kraft oder zurückzulegender Weg.

Doch was meinen Menschen, die 2020 als „gutes“ Jahr beschreiben? Gut, das kann heißen: mutig gewesen, Neues entdeckt, Altes liebgewonnen, Veraltetes losgeworden, enger zusammengerückt, mehr verkraftet als für möglich gehalten. Wenn also jemand „gut“ sagt, lohnt es sich, zu fragen: „Was genau meinst Du damit?“ um so den ganzen Schatz an Erkenntnissen zu erfahren, die dieser Mensch gemacht hat. Denn statt einen Sack voller Probleme auf dem Rücken zu tragen folgen diese Menschen dem Symbol der Freiheit, der Taube.

Man sollte stets mit dem Besten rechnen – dann wird es sich von selbst einstellen.

Johann Friedrich von Allmen (Romanfigur von Martin Suter)

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Alter, geht’s noch?

Er knallte den Rollator gegen die Tür der Bäckerei. Diese blöden Automatikdinger gehen einfach zu langsam auf. Und noch langsamer ist die Bedienung hinter der Theke. Er hatte nur noch wenig Zeit zum Leben und die wollte er nicht mit unsinnigem Warten verbringen. Können das die jungen Dinger nicht endlich kapieren?

Uns Menschen treiben viele unterschiedliche Bedürfnisse an. Deren Befriedigung ist nicht immer einfach, denn zu oft stehen sie in Widerspruch zueinander. Das Bedürfnis nach Freiheit und das nach Sicherheit sind genauso Antagonisten (Gegenspieler) wie die nach Nähe und Distanz. Ihre Befriedigung steuert unser Handeln. Manchmal erscheinen wir dadurch sprunghaft („Aber vorhin wolltest Du doch noch …“), aber alles in allem sind wir ein Leben lang bemüht, halbwegs einen ausgleichenden Mittelweg zwischen unterschiedlichen Bedürfnisse zu finden, um sozial verträglich zu sein.

Doch seien wir ehrlich: das ist oft genug alles andere als einfach und anstrengend ist es auch. Wie schön wäre es, einfach mal heulend in der Ecke zu sitzen und die ganze Verzweiflung rauszulassen, die uns durch Job, Familie oder wirtschaftliche Zwänge manchmal ergreift. Stattdessen werden die Zähne zusammengebissen und wir machen weiter im Takt. Vielleicht sind wir so gut erzogen, dass wir freiwillig unsere Macht begrenzen, die wir durch Herkunft, Stellung oder Körperbau über andere haben. Und heimlich schauen wir Hau-drauf Filme mit Silvester Stallone, Jean-Claude Van Damme oder Clint Eastwood. Die bleiben immer cool, rächen sich und andere und erledigen die Idioten aller Länder mit links.

Alter Mann am Rollator der schimpftEs kommen jedoch Zeiten, in denen unsere Kräfte schwinden und so eine Grundtendenz in uns die Oberhand gewinnt, die schon immer da war, jedoch durch Erziehung, Kultur und puren Willen in ihrem Wirken eingeschränkt wurde. Bin ich ein grundsätzlich misstrauischer Typ kommt das Misstrauen in „schwachen“ Zeiten ungebremst zur Geltung. Oder meine Angst wird raumfüllend, wenn ich erschöpft bin. Scheinbar treten als negativ empfundene Eigenschaften dann besonders stark hervor, wenn wir am Ende unserer Kraft sind.

In jungen Jahren, also alles vor ±75, sind das oft nur Phasen oder vorübergehende Krisen. Im Alter hingegen kommt wohl unweigerlich unser wahrer Kern zum Vorschein. Wie zum Beispiel Eifersucht und lang unterdrückte Konflikte mit Verwandten und Freunden brechen auf. Nicht umsonst ist ein beliebtes Krimithema die Frage nach dem letzten Testament des/der Verstorbenen: wer wurde kurzfristig enterbt, wer unverhofft bedacht? Ängstliche Menschen werden zu wahren Schwarzmalern und herrschsüchtige Tyrannen können noch vom Sterbebett aus Angst und Schrecken verbreiten.

Wie will ich im Alter sein? Diese Frage stelle ich mir seit geraumer Zeit und ich möchte fröhlich, frech, neugierig sein. Ein bisschen so wie Matta und Lisbeth, die Kunstfiguren des Kabarettduos Missfits. Diese Eigenschaften sollte ich jetzt besser mal pflegen, nähren und stärken. Denn eines Tages kann ich das nicht mehr im Zaum halten, was auch in mir ist: genervt, eigenbrötlerisch, stur. Wunderbare Eigenschaften im Berufsleben, wenn es um In-Frage-stellen des Status quo geht, um Durchhalten und Vorantreiben. Als „alter Sack“ wäre ich damit allerdings schlichtweg unerträglich, vor allem für mich selbst.

Wennze meins du hätts noch Zeit
datte so viel Zeit vertun kanns
bisse bekloppt
dat is nich wahr
du hasset eilig
wennze tot bis isset vorbei
und vorm sterben musse leben
und dann musse au ma fragen
oppe happy… bis

Das Wennze meins Lied, Missfits (Melodie: Father and Son, Cat Stevens)

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Das kleine Corona-Glück

Genug durchgehalten, Zähne zusammengebissen und durch Abstandsregeln gequält. Überlebensgroß erschienen Freunde, Feiern und Clubbesuche vor ihrem geistigen Auge. Sie wollte den Corona-Marathon nicht mehr laufen. Konnte dieses Virus nicht einfach verschwinden?

Marathonläufer haben nicht nur einfach 42 Kilometer zu laufen, sie müssen vor dem Ziel durch das tiefe Motivationstal bei den Kilometern 35 bis 38. Da sind die Reserven schon aufgebraucht, die Qual nimmt zu und die Meter scheinen in Zeitlupe bewältigt zu werden. Die Corona-Pandemie als Marathon ist aktuell bei Kilometer 35, also am Beginn der zähen Phase (Der erste Covid-19 Fall in Deutschland wurde Ende Januar bestätigt. Ich nehme das als Startschuss für den Marathon und jede Woche zählt einen Kilometer).

Mir scheint, dass sich die Menschen in Deutschland gerade in zwei Gruppen aufteilen. Die einen sind für Durch- und Zurückhalten, die anderen haben die Nase voll von Zurückhaltung und wollen wieder das pralle Leben. Dabei will sicher niemand in Deutschland französische, spanische oder US-amerikanische Pandemieverhältnisse, wo umgerechnet auf die jeweilige Bevölkerungsanzahl fünf bis neunmal mehr Covid19-Infizierte und Tote als hierzulande zu beklagen sind.

So kommen gegenseitige Vorwürfe auf („Ihr seid so leichtsinnig und rücksichtslos“ gegen „Ihr nehmt uns die Lebensfreude weg“). Im Kern geht es den einen um Disziplin, den anderen um Leichtigkeit. Es scheint gleichzeitig ein Generationenkonflikt zu sein und der Klassiker, dass die Alten über die unvernünftigen Jungen schimpfen und die Jungen die Alten für verbohrt halten, hat ein weiteres Kapitel hinzubekommen.

Bei denen, die als jung und leichtsinnig angesehen werden, verstärken sich zwei Lebensumstände gegenseitig, die den „Alten“ fremd zu sein scheinen: Erstens wachsen Menschen unter anderem an den Krisen, die sie gemeistert haben. Schwere Krankheiten, der Abschied von geliebten Menschen, der Verlust einer Arbeitsstelle oder tiefgehende Beziehungskrisen benötigen Qualitäten wie Durchhalten, Prioritäten setzen und guten Mut bewahren. Diese Ereignisse treten in jungen Lebensjahren glücklicherweise selten bis nie auf.

Zweitens hat sich in den letzten zehn bis 15 Jahren eine „On demand“-Haltung im Freizeitleben durchgesetzt. Auf Bestellung werden alle Speisen der Welt geliefert, Reisen geplant, Einkäufe erledigt, Filme und Serien angeschaut. Oft zugeschnitten nach dem, was wohl meine Vorlieben zu sein scheinen. Kunden, die X kauften, kauften auch Y und Z – wer kennt das nicht?

Der Medien-und Kulturwissenschaftler Marcus Kleiner hat das als eine „Sofort-Haltung“ beschrieben, die die Erwartung einer unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung in allen Lebensbereichen nach sich zieht. Was unbequem und kompliziert ist, das stört und wird umgangen, denn schließlich warten attraktive Alternativen nur wenige Fingerbewegungen auf der Fernbedienung, dem Tablet oder Smartphone entfernt.

Coronamarathon ist bei Kilometer 35, doch ein Mann springt in einen Laubhaufen

Selbstverständlich ist die Corona-Pandemie kompliziert und sie stört mein gewohntes Leben. Doch sie ist keine Serie, die ich streamen oder nicht streamen kann. Sie folgt ihren eigenen Regeln und aus diesem Spiel kann ich nicht aussteigen. Corona geht nämlich auch ohne mich weiter, ebenso die Umwälzungen im Klima. Einen Marathon kann ich abbrechen, doch in beiden Krisenereignissen bleibe ich verhaftet, ob ich will oder nicht. Asketische Distanzregeln und eiserne Durchhalteparolen alleine werden aus meiner Sicht kein Verständnis auslösen oder gar Andere überzeugen.

In Frankfurt war der Marathon-Kilometer 37 jahrelang im einsamsten Streckenabschnitt auf einer langen, geraden Ausfallstraße zwischen Gewerbegebieten unter einer Autobahn hindurch1). Da gab es keine Zuschauer, keine Aufmunterung, keine Ablenkung und das machte alles nur noch schwerer. Die Veranstalter haben irgendwann daraus gelernt und die Strecke so verlegt, dass die mühsamen Kilometer 35-38 jetzt in der Innenstadt absolviert werden, wo viele Menschen am Straßenrand stehen und die Laufenden anfeuern.

Wenn ich nicht will, was ich muss, kann ich doch wenigstens probieren, Lichtblicke auf die Normalität zu bekommen und Glanzlichter zu setzen, die mir eine kindliche Freude bereiten. Kinder können ganz selbstvergessen im Hier und Jetzt sein. Davon können wir Erwachsenen uns etwas abschauen.

Wie wäre es mit „Ab-Eisen“ (Gegenteil zu „An-Eisen“): Das letzte Eis für diese Saison zelebrieren? Grillfreunde machen das mit „Abgrillen“ (im Herbst) und „Angrillen“ (im Frühjahr). Wann sind Sie zum letzten Mal in einen Laubhaufen gesprungen? Oder haben mit Kastanien Fußball gespielt? Eine Quatschsprache erfunden? Heiße Waffeln mit Kirschen nach einem Herbstspaziergang gebacken? Die Verkleidungskiste herausgeholt? Eine Kissenschlacht gemacht? Das alles lässt Corona nicht verschwinden, aber mal kurzeitig im kleinen Alltagsglück vergessen.

Wer Kind bleibt, ist ein Mensch.

Erich Kästner (1899 – 1974, deutscher Schriftsteller, Drehbuchautor und Kabarettdichter)

1) Für Ortskundige: auf der Mainzer Landstraße zwischen Griesheim und Mönchhof

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Der Chef wandert nicht ins Jammertal

Die Zustände waren für den Kollegen schlichtweg unhaltbar: Zu wenig Leute, zu viel Arbeit, schlecht abgestimmte Entscheidungen. Ausführlich benannte er seinem Manager immer wieder alle Fehlentwicklungen, doch der Chef fragte nur genervt: „Können Sie nicht mal konstruktiver sein?“

Die Arbeitswelt scheint zuweilen nicht ein gemeinsamer Planet zu sein, sondern zwei Welten in einer. Hier die der Angestellten, Arbeitenden, Untergebenen und dort die der Führenden und Leitenden. Die Frustration der unteren Ebenen äußert sich in den Ohren mancher Vorgesetzten in fortwährendem Jammern und Wehklagen, die Reaktion der Führungsebene wird darunter bestenfalls als ignorant und je nach Charakter sogar als bösartig oder dumm empfunden. Dazwischen oft genug: Verständigungsschwierigkeiten. So als würden fremde Sprachen gesprochen werden.

Beschwerden werden beschwerlich, wenn Chefs (m/w/d) mit dem unbrauchbarsten Rat für alle Fälle kontern: „Dann müssen Sie halt Prioritäten setzen!“, während sie gleichzeitig neue Aufgaben in engen Zeitfenstern über den Tisch schieben. Zu Recht fühlt sich da niemand ernst genommen. Institutionalisiert wird dieses Aneinander-Vorbeireden mitunter in den Verhandlungen zwischen Betriebs-/Personalrat und der Unternehmensleitung. Bis einer heult oder das Schiedsgericht angerufen wird.

Dabei liegen wertvolle Kerne sowohl im Jammern als auch in dessen Zurückweisen. Des Jammerns guter Kern ist das Benennen von Fehlentwicklungen. Da läuft etwas nicht rund, wertvolle weil knappe Ressourcen (Zeit, Geld, Arbeitskraft) werden für Tätigkeiten ineffizient eingesetzt, was wenig effektive Ergebnisse mit sich bringt. Im Extremfall benennen sog. Whistleblower (Hinweisgeber) gar kriminelle Zustände.

Ein König wendet sich vom klagenden Untertan abGleichzeitig fühlen sich viele Führungskräfte als Kummerkasten für ganz viele Mitarbeitende und es kommt ihnen vor, als ob alle ihnen ständig die Ohren volljammern. Dabei nehmen Chefs selbst viele Missstände wahr, denn sie sind nicht so ignorant oder dumm, wie ihnen von manchen Mitarbeitenden unterstellt wird. Leitende sind unter Umständen genauso Leidende wie ihre Untergebenen.

Im Zurückweisen liegt im Kern bei wohlwollender Betrachtung auch die Forderung, konkrete Vorschläge zu benennen, so dass Handlungsfelder erkennbar werden. Von „Ich will nicht …“ oder „XY macht nie …“ soll der Gedanke darauf gelenkt werden, wie es besser sein könnte. Statt tiefer hinein ins Jammertal zu wandern ist es sinnvoll, den Fokus auf das Wesentliche und Änderbare (!) zu richten. Jammern über unveränderliche Umstände ermüdet Sprecher und Zuhörer gleichermaßen.

Wem das zu viel „Evangelischer Kirchentag“ ist (also zu viel Glauben an das Gute im Menschen) dem empfehle ich ein einfaches Experiment. Die nächste Person, die einem die Ohren volljammert einfach zu fragen „Wenn es nur nach Dir ginge, wie willst Du gerne arbeiten, leben, … Und zwar positiv formuliert.“ Oft genug folgt dann Schweigen: „Ja, das weiß ich auch nicht so genau.“ Denn: Dazu muss ich halt erst mal wissen, was ich will und nicht nur, was ich nicht will.

Diese Intervention lenkt den Gedanken von der Problembeschreibung auf die Problemlösung. Auch wenn die englische Sprichworte „Problem talking creates problems, solution talking creates solutions”1) oder “Energy flows where attention goes”2) mantraartig und quasi-religiös in keinem Selbsthilfebuch fehlen dürfen, so zeigen sie doch, worum es geht: Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf die Lösungssuche und deren Umsetzung richte, habe ich mehr Chancen, die Veränderung in meinem Sinne tatsächlich anzustoßen.

Denn auf Seiten der Führung werden so zwei Impulse gesetzt: Die Chance steigt, auf offenere Ohren bei meiner Führungskraft zu stoßen und sie wird sich auch nicht mehr so leicht aus der Verantwortung stehlen können, die Missstände auf Basis der Vorschläge abzustellen.

Jammerlappen sind nicht angesagt.

Aus dem Film „Tatsächlich Liebe“

1) Das Reden über Probleme erzeugt Probleme, das Reden über Lösungen schafft Lösungen.

2) Wo die Aufmerksamkeit ist, fließt die Energie.

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Mir selbst und nicht den Anderen gerecht werden

Der See lockte mit seinem blaugrünen Wasser, doch einen Badeanzug hatte sie nicht dabei. Die Schwerkraft zog schon ein paar Jahrzehnte an ihrem Körper, der mit seinen Fettpolstern längst nicht mehr dem jugendlichen Schönheitsideal entsprach. Was würden die Leute wohl denken, wenn sie sich einfach auszog und nackt in den See sprang?

Wie ich mich in einer konkreten Situation verhalte, ist von vielen bewussten und unbewussten Normen abhängig. Normen, die zum Teil von außen an mich gerichtet werden und solche, die ich aus mir selbst heraus entwickelt habe. Die wenigstens davon kann ich selbst beeinflussen und doch unterliegt all meinen Entscheidungen die bange Angst: Hoffentlich ist das jetzt kein Fehler!

Auf der einen Seite gibt es die Normen von Freunden und Familie, speziell der Eltern, die mit ihren Glaubenssätzen tief in meinem Wertekanon verankert sind. Gesellschaftlich erwünschtes Verhalten, religiös gefordertes und juristisch vorgegebenes Verhalten bilden einen Großteil der Ansprüche, denen ich als handelnde Person unterworfen bin. Alle diese Vorgaben sind eine Fremdbestimmung. Betrachte ich darüber hinaus die Strukturen, in denen ich leben muss, kann der Eindruck entstehen, ich hätte überhaupt keine freie Wahl mehr.

Auf der anderen Seite stehen meine Werte und meine Einstellungen, die mich als Persönlichkeit ausmachen. Auch wie ich meine eigene Geschichte betrachte, gibt mir Hinweise auf meine Handlungswünsche. Diese subjektiven Normen stellen gemeinsam mit den externen Ansprüchen die Basis dar, auf der ich meine konkreten Entscheidungen fälle. Und die – siehe oben – hoffentlich kein Fehler sind. Denn falsche Entscheidungen kann ich mir selbst schwer verzeihen. Außenstehende schlachten sogenannte falsche Entscheidungen oft obendrein aus, denn sie haben es ja schon immer besser gewusst.

Gefangen im Netz der Ansprüche an michAlle diese vielen Normen können sich miteinander verhaken und ein Knäuel an Ansprüchen ergeben, so dass ich wie gefangen und manchmal vollständig blockiert bin. Wie ich es mache, kann es verkehrt sein. Folge ich diesem, ist das aus Sicht von jenem ein Fehler – und umgekehrt. Stolperfallen über Stolperfallen: Ziehe ich einfach die Klamotten aus und springe nackig in den See (ich würde so gerne!) oder besser nicht (aber nicht so wie ich aussehe, außerdem ist das bestimmt verboten)? Bleibe ich einfach zu Hause (um mal durchzuschnaufen) oder gehe ich auf die Vernissage eines angesagten Künstlers (um etwas für meine kulturelle Bildung zu tun)? Stehe ich zu meiner Ahnungslosigkeit was die letzte Staffel einer Netflixserie angeht (und oute mich als Technik-Oldie) oder besser nicht (und nutze Halbwissen aus den Medien für entsprechende Unterhaltungen)?

Wie wäre es daher mit etwas mehr „uncomplicate yourself“ oder auf gut hessisch: „Mach‘ disch logger!“ Dieses Gewirr an verschiedensten Ansprüchen sollte ich in der Tat in Ruhe entdröseln, damit ich wieder zu mir finde und mir selbst gerecht werde. Könnte ich nicht alle fremden Ansprüche an meine Person so einfach abstreifen wie Jeans und Shirt an einem Badesee? Dazu hilft es, tief durchzuatmen, Zeit für eine Antwort zu erbeten und ohne Ablenkung in mich hineinzuhören. Dann kann ich viel einfacher der leisen Stimme lauschen, die mir sagt, was jetzt wirklich die richtige Entscheidung für mich wäre.

Die Gesamtfehlerlage ist in der Tat etwas unübersichtlich.

Matthias Brandt als Heiko Wiedemann im Spielfilm „Der große Aufbruch“

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Ich leiste was, also bin ich was?

Der fünfjährige Bub rannte stolpernd durch den Kindergartenflur. Als er ohne Hinzufallen an der Tür ankam, applaudierte das ganze Haus. Zum ersten Mal war ihm das gelungen, denn er lebt mit einer Bewegungseinschränkung. Und wie sieht das der Junge, der schon locker 1.000 Meter joggen kann?

Der Lauf seines Lebens

Unabhängig von dem herrschenden Politiksystem scheint sich weltweit eine „Meritokratie“ durchgesetzt zu haben. Als Meritokratie wird eine Herrschaftsordnung bezeichnet, in der die Menschen mit dem größten Einfluss besondere Leistungen erbracht haben. Als Lohn für ihre Verdienste werden sie geliebt, bekommen Zugang zu Ressourcen (Geld, Bildung und Beziehungen) und können für alle anderen definieren, welche Leistungen notwendigerweise erbracht werden müssen, damit auch sie zu den Guten, Mächtigen, Auserwählten gehören – durchaus auch manchmal metaphysisch aufgeladen. Wegbereiter sind Reformatoren wie Zwingli oder Calvin.

Gott beruft nach ihrer Meinung den Menschen zu Aufgaben und wer sie gewissenhaft erfüllt, hat bei Erfolg Seelenheil erlangt. Im persönlichen Leistungsbilanzüberschuss zeigt sich also die Gottgefälligkeit. Wer immer jung, schön und fit erfolgreich auf der Karriereleiter nach oben geklettert ist, führt ein Leben, das Gott (oder den Göttern in Weiß, Grau, …) gefällt. Frei nach Herbert Grönemeyer singen diese Menschen fröhlich ein Lied vor sich hin: „Leisten macht so viel Spaß. Ich könnte ständig weitergeh‘n. Arbeiten ist wunderschön.“ Eine Pause ist da Müßiggang, der sündhaft erscheint.

Auch wer mit dem Glauben in diesem Sinne wenig am Hut hat, kann sich dieser Weltsicht nur schwer entziehen, weil sie tief in uns wirkt. Früher war es eine mechanistische Sichtweise, die sich an Maschinen, Zahnrädern und Antriebsriemen orientierte. Heute geht es um ein selbst geschaffenes und digital optimiertes Leben. Die industriellen Stückzahlen im Akkord haben wir so angepasst, dass sie in die modernde Informationsgesellschaft passen. All diesen Gedanken liegt eine abstrakte Nullgröße als genormte Vergleichsbasis zugrunde. Nur wer ausgehend von einem willkürlich festgelegten Punkt X eine definierte Leistung Y erbracht hat, kann sich erfolgreich nennen und bekommt dafür Anerkennung.

Etwas in Vergessenheit geraten scheint dagegen der revolutionäre Kern der Reformation. Jeder Mensch ist von Gott angenommen und geliebt, von Geburt an, ohne Leistung, ohne Ablass. Ich plädiere entschieden dafür, auf diesen Aspekt zu schauen. Ausgehend von meinen individuellen Voraussetzungen aus körperlicher Konstitution, äußeren Lebensumständen und innerer Verfasstheit ist es vielleicht die gleiche Leistung, ob ich einen Marathon unter drei Stunden laufe oder eine halbe Stunde Walken gehen kann; ob ich eine Promotion mit „summa cum laude“ oder eine Lehre abschließe; ob ich vertrauensvoll und offen über meine Gefühle sprechen kann oder ich vorsichtig mein Innenleben schütze. Und dann ist die Überwindung einer ganz persönlichen Grenze immer eine Leistung.

Die gleiche Leistung zählt mal so und mal so

Die individuelle Leistung würdigenSo hat auch der Freund des Buben aus dem Eingangsbeispiel applaudiert, als der den Flur entlang rennstolperte: „Was für eine Leistung!“ rief er ihm zu und schlug ihm auf die Schulter.

Ich bin nicht gescheitert – ich habe 10.000 Wege entdeckt, die nicht funktioniert haben.

Thomas Alva Edison (1848 – 1931, US-amerikanischer Erfinder und Unternehmer, der die Glühbirne nach vielen Versuchen zur Marktreife brachte)

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