Eine eheähnliche Freundschaft

Der Rocksänger kommt frühzeitig von der wilden Weihnachtsfete zu seinem Manager ins Hotel und gesteht: „Weihnachten sollte man mit dem Menschen verbringen, den man am meisten liebt. Und Du bist die Liebe meines Lebens!“ Der Manager ist geschockt: was hat diese Offenbarung zu bedeuten?

Wir haben das ganze Leben miteinander verbrachtDas Leben hält lebenslange Liebesbeziehungen bereit, die keine Ehe im rechtlichen oder kirchlichen Sinne sind und gleichzeitig alle Merkmale einer „guten Ehe“ enthalten. Da haben sich zwei Menschen vielleicht in der Schule kennen gelernt oder wohnten im gleichen Viertel, und über die Jahre und Jahrzehnte sind sie immer Wegbegleiter des Anderen. Vom ersten Verliebt-Sein und gemeinsamen Ferien, über Ausbildung und Beruf bis hin zu Partnerwahl und Kinderkriegen: Ehen kommen und gehen, diese Freundschaften überdauern alles. Schließlich wünscht Mann oder Frau sich, dass ein bestimmter Freund oder die beste Freundin einen das ganze Leben lang begleitet. Schließlich war er oder sie scheinbar schon immer da und wie soll es ein Leben „ohne“ geben?

„Verlässt Du mich nicht, so verlass ich dich auch nicht. – Nun und nimmermehr.“ lautet der wiederkehrende Dialog zweier Kinder im Märchen „Fundevogel“ der Gebrüder Grimm ↗. Ein Findlingskind und die Tochter eines Försters hatten sich so lieb, „dass, wenn eins das andere nicht sah, es traurig ward“. Vereint überstehen sie drei Mordanschläge, weil sie einander vertrauen und begleiten.

Nicht nur im Märchen, auch im realen Leben gibt es diese Verbindungen: Da gibt es zum Beispiel die fürsorgliche Vertrautheit wie bei jenem Paar, das seit 33 Jahren eine Wohngemeinschaft bildet. Oder zwei Menschen stimmen langfristig Pläne für die Berufs- und Ortswahl miteinander ab, von denen manche Ehepartner nur träumen könnten.

Die Außenwelt steht manchmal ratlos vor der Kategorien-Kommode: in welche Schublade bitteschön soll man diese Beziehung einsortieren? Passt das alles noch zu einer Freundschaft? Denn die Liebe eines Lebens hat manchmal weder was mit Trauschein noch mit Sex zu tun, sondern einfach mit der gemeinsamen Freude am „Du + Ich = Wir“.

Es ist für unsere Situation völlig egal,
wen du liebst und vögelst!

#Sookee ↗ (* 1983, deutsche Rapperin)

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Weihnachten bringt die Familie wieder ein Opfer

Das Weihnachtsfest folgte einem festen Ritual, das die Familie ebenso fürchtete wie konsequent einhielt. Kaum wurden Änderungswünsche geäußert, nahm das die Mutter persönlich: „Ich weiß, es ist alles meine Schuld!“ sagte sie dann und alle waren sofort bemüht, ihr entgegen zu kommen. Also blieb alles, wie es gehasst war. Wie kann dieser Teufelskreis verlassen werden?

Das Opfer steht im MittelpunktIn einem Teufelskreis ↗ bewegen sich die Beteiligten zwar ständig, aber vorankommen tun sie nicht. Die Kinder fühlen sich von der ewig gleichen Weihnachtsabfolge eingeengt und wollen sich aus ihrem Korsett befreien. So machen sie der Mutter Vorwürfe: „Alles geht immer nur nach Deinem Willen!“ Die Mutter fühlt sich gekränkt und spielt mit dem Satz „Ich weiß, es ist alles meine Schuld!“ die Opferkarte aus. Die Kinder sind beschämt und um des lieben Frieden willens bleibt alles beim Alten. Bei nächstbester Gelegenheit wollen sie sich rächen, das Weihnachtsritual revolutionieren und schon geht es von vorne los.

Die Mutter hat, obwohl sie sich als diejenige darstellt, die scheinbar alle Schuld auf sich nimmt, eine äußerst machtvolle Rolle. Dank der Haltung „Ich bin ein armes Opfer, deshalb müsst ihr tun, was ich will“ agiert sie autoritär und jede Entwicklung ist gelähmt.

Die Opferhaltung als Herrschaftsinstrument funktioniert besonders gut gegenüber Menschen, bei denen das Schuld-Prinzip auf fruchtbaren Boden fällt. So wird die Lähmung unter Umständen verstärkt durch altbekannte Muster, die teilweise schon seit der Kindheit erlebt und gelernt sind. Dann läuft der immer gleiche Film ab.

Er kann jedoch beendet werden. Dabei geht es nicht um Abwehr, sondern um eine gleichzeitig einfühlsame und klare Abgrenzung. Die Kinder wollen ja in erster Linie die Mutter nicht verletzen, sondern das überkommene Ritual den veränderten Umständen anpassen. Sobald die gewohnte Abfolge aus Aktion – Reaktion geändert wird, besteht die Chance, den Teufelskreis zu durchbrechen. Eine Möglichkeit dafür wäre ein Dreischritt aus

  1. Beschreibung, was ist und geändert werden soll
  2. Begründen, warum es für einen selbst eine Änderung geben soll und
  3. Einem konkreten Vorschlag, der einen ersten Schritt in die gewünschte Richtung geht.

Dadurch geht es in der Auseinandersetzung nicht mehr darum, wer schuld an etwas hat, sondern was die Bedürfnisse der Beteiligten sind. Es ist falsche Rücksichtnahme, einander in der Opferrolle und dem Konzept der Schuld verharren zu lassen.

Es ist so bequem, unmündig zu sein.

Immanuel Kant (1724 – 1804, Philosoph)

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Sauberkeit tötet die Gastfreundschaft

Die Katzen versteckten sich unter dem Sofa, denn der Staubsauger fegte wie ein Ungeheuer durch die Wohnung. Das hieß: die monatlichen Gäste wurden erwartet! Sehnsüchtig dachten sie an die Nachbarswohnung: in den unaufgeräumten Ecken gab es immer viel zu entdecken und ständig kamen freundliche Menschen vorbei. Warum war es hier bloß so sauber – und so einsam?

Gäste amüsieren sich in der KücheWer sich Gäste ins Haus holt, kann damit zwei Bedürfnisse stillen. Zum einen das Bedürfnis nach Nähe zu anderen Menschen (sozialen Kontakten) und zum anderen den Wunsch nach Anerkennung. Dazu genügt manchmal nicht die schiere Anwesenheit von Freunden, sondern es geht auch darum, dass von den Gästen der (wirtschaftliche/ gesellschaftliche) Erfolg gewürdigt wird. Der zeigt sich unter anderem in der Küche: ehemals ein Ort für das niedere Dienstpersonal, heute repräsentativ wie ein Auto (und manchmal genauso teuer).

Ein Drittel der Menschen würde sich unwohl fühlen ↗, wenn ein Freund die eigene Küche unordentlich zu Gesicht bekäme. Doch welche Küche sieht schon immer aus wie im Designprospekt ↗? Entsprechend schwierig ist es daher für diese Menschen, Gäste spontan einzuladen: vorher muss ja noch die Wohnung auf Vordermann gebracht werden!

Gleichzeitig würde jeder der Aussage zustimmen, dass die besten Feten in der Küche stattfanden und eine (gute) Party sowieso dort endet. In einer Küche, in der sich benutztes Geschirr stapelt, leergeräumte Salatschüsseln neben krümeligen Kuchenblechen und fettigen Frikadellenplatten stehen und ein sauberes Glas nur dann zu haben ist, wenn eines der herrenlosen Exemplar schnell mal ausgespült wird.

Sie könnten den Küchenboden so sauber wischen, dass man davon essen könnte. Oder Sie besorgen sich stattdessen ein paar Teller und laden die Nachbarn zu ihrer Einweihung ein.

Wir brauchen viele Jahre, bis wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können

Ernst Ferstl (*1955, österreichischer Lehrer, Dichter und Aphoristiker)

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Einer Freundin aus der Patsche helfen

Es war eine besonders knifflige Stelle auf dem Weg nach oben. Ein Zurück war nicht mehr möglich und ihre Kräfte waren am Ende. Doch dann bekam sie von ihrem Partner eine sachte Unterstützung und so schaffte sie es auf das Felsplateau. Was lässt sich vom Klettern lernen, um Freunden beim Meistern auswegloser Situationen zu helfen?

Ein Freund hilft durch BegleitungBeim Bouldern klettern Menschen ohne Seil und Gurt an natürlichen Felsen oder an künstlichen Kletterwänden. Sie klettern dabei in der Regel nur so hoch, dass sie notfalls auch abspringen könnten. Doch auch hier gibt es Stellen, die eine scheinbar eine Sackgasse sind: der nächste Griffpunkt, sei es eine Felsspalte oder ein Vorsprung, kann nur mit den äußersten Fingerspitzen erreicht werden. Die Füße finden keinen neuen Halt, auch zur Seite ergibt sich kein Ausweg. Der Sprung nach unten birgt die Gefahr, sich an den rauen Felswänden zu verletzen.

Das klingt nach Umständen, wie sie auch im Berufs- oder Privatleben vorkommen können: Auf der Arbeit ist man im Team gefangen und eine Re-Organisation kappt die letzte Chance auf Weiterentwicklung. Oder in der Familie dreht sich eine Abwärtsspirale, weil die Kinder mit der Schule nicht zurechtkommen, aber ein Schulwechsel unmöglich ist.

Im oben genannten Beispiel half der Kletterpartner mit einer Drei-Punkte-Strategie weiter: Erklären – Vertrauen – Stützen.

  1. Anfangs erklärte er die Situation und die möglichen Optionen. Er hatte von unten, mit Abstand, mehr Überblick und konnte Wege zeigen, die die Kletternde nicht sah.
  2. Während ihre Kräfte schwanden, gab er ihr einen Vertrauensvorschuss. Weil er realistisch daran glaubte, dass sie den nächsten Schritt machen kann (und nur um den geht es – Schritt für Schritt, Griff für Griff geht es voran), sorgte er für einen kleinen emotionalen Energieschub. Statt auf direktem Weg über einen unüberwindlichen Berg geht es einfacher um ihn herum: Schritt für Schritt auf einer Serpentinenstraße ↗ jeweils nur bis zur nächsten Wendung. Und dann schaut man weiter.
  3. Schließlich stützte er sie mit seinen Händen: er umfasste oder hielt sie nicht, sondern legte einfach die Hand sachte an ihren Rücken. Über diese Geste wird bei der berührten Person das Hormon Oxytocin ausgeschüttet ↗. In der Folge sinkt der Stresspegel im Gehirn, Schmerzen werden weniger empfunden und Ängste verringern sich.

Diese kleinen Interventionen sind ein echter Freundschaftsdienst: sie lösen die innere Blockade und Verzweiflung auf, der weitere Weg wird frei. Unabhängig vom Geschlecht übrigens.

Gute Freunde reichen uns die Hand, aber gehen lassen sie uns selber.

Anke Maggauer-Kirsche (*1948, deutsche Lyrikerin und Aphoristikerin)

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Liebende Güte statt „Du liebe Güte!“

Sie war froh, nach so langer Zeit endlich wieder zu Hause zu sein. Allerdings arbeitete in der Küche eine fremde Frau. Und was sollte dieser blöde Verband um ihre Hand? Wütend riss sie ihn ab. „Du liebe Güte, Mutter! Lass ihn dran, wir waren doch gerade deswegen in der Ambulanz gewesen!“ Ambulanz? Wann soll das gewesen sein?

Demenz und Verwirrung gehen Hand in HandIm Kopf von Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind, hat die Zeit ihre ordnende Wirkung verloren. Was vor einer Minute, einer Woche oder einem halben Jahrhundert war, ist wie in einem undurchdringlichen Spinnennetz verwoben. Die Zeitgrenzen sind aufgehoben und einem Sog gleich fühlen sich die Menschen in ihre Vergangenheit zurück versetzt. Die Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend sind das einzig Stabile und werden leicht durch Ereignisse aus der Jetzt-Zeit aktiviert.

Angehörige, Freunde und helfendes Personal können sich nie sicher sein, was das Gegenüber noch weiß oder erkennt. Die absolute Spontaneität der an Demenz Erkrankten verlangt ihrer Umgebung alles ab. Und die alten Menschen fühlen sich wie ein kleines Kind behandelt, weil ständig alles anders ist als gedacht, sie ständig kontrolliert werden, ständig korrigiert werden. So sind alle Beteiligten schnell am Ende ihrer Geduld und „Du liebe Güte …“ gehört zum Standardrepertoire der gegenseitigen Vorwürfe.

Es fällt schwer, liebende Güte zu leben, wenn die Mutter ihre eigene Tochter nicht mehr erkennt und Schutzmaßnahmen als Bevormundung angesehen werden. Doch gibt es keinen anderen Weg, als beharrlich und voll nachsichtiger, liebender Güte den Erkrankten zu begegnen. Vielleicht hilft es sich zu verdeutlichen, dass auch der demente Mensch unglücklich über seinen Zustand ist. Dass er verzweifelt versucht, mit Notizen gegen das löchrige Gedächtnis anzukämpfen. Oder die Peinlichkeiten überstehen muss, wenn er sich dabei ertappt hat, wieder etwas ganz Unvernünftiges getan zu haben.

Loslassen bedeutet, das Leben als Leben zu akzeptieren – als etwas nicht Greifbares, als etwas Freies, Spontanes und Grenzenloses.

Zen-Lehre

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Lebe wohl Hubschrauber-Mutter!

Am Ende reichte es ihr tatsächlich. Das jahrelange Gängeln und Überwachen ihrer Mutter fand ein Ende. Und weil sie schon dabei war, machte sie auch mit der Überkontrolle ihres Ehemannes Schluss. Gut, dass sie noch ein paar Jahre bis zur Rente hatte, die konnte sie jetzt genießen. Doch schade, dass sie es erst mit 55 schaffte, sich zu befreien. Warum eigentlich?

Die Tochter und ihre Mutter waren in einem Teufelskreis gefangen. Angefangen hatte es mit der ganz natürlichen Sorge der Mutter um ihr Kind: ihr sollte es gut gehen, das Böse sollte von ihr ferngehalten werden, damit sie sicher durch das Leben kommt. Dieser Schutzinstinkt übersteigerte sich und verlor das rechte Augenmaß. Denn er wurde nicht mit einem Bekenntnis zur Freiheit gekoppelt. Statt der Tochter Wurzeln und Flügel zu geben, schlangen sich die Wurzeln wie Gitterstäbe um deren Lebensraum. So litten beide unter der Gluckenglocke. Die Mutter drohte bei jeder Freiheitsbestrebung der Tochter krank zu werden und bekam zunehmend weniger ihr eigenes Leben auf die Reihe, die Tochter lernte selbständiges Leben nur unzureichend.

Irgendwann gelingt es, die Ketten zu sprengenIhr erster Ausbruchsversuch war die Ehe mit einem fürsorglichen, verständnisvollen Mann. Dessen Fürsorge war aber nur die Maske seines Herrschaftsanspruches, eifersüchtig wachte er über ihre Aktivitäten. Zog sie einen Rock an, wenn sie mit der besten Freundin ausging, vermutete er einen heimlichen Liebhaber. Das gemeinsame Haus war durch die Kreditfinanzierung Druckmittel genug, um sie bei der Stange zu halten. Schließlich war sie vollständig abhängig von ihrem Mann und ihrer Mutter. Denn die redete ihr ein: so einen netten Mann könne sich jede Frau doch nur wünschen.

Als die eigenen Kinder aus dem Haus waren, schöpfte sie erste Hoffnung. Doch noch immer war sie gefangen in den jahrzehntelang trainierten Mustern. Dann aber starb ihr Vater, der Zeit seines Lebens hilflos dem Treiben zugesehen hatte. Diese Erschütterung, den letzten Halt zu verlieren, brachte das ganze System zum Wanken. Bevor der Tod der einzige Ausweg aus dem Gefängnis war, das ihr Leben darstellte, wollte sie es wenigstens probiert haben, selbst zu leben. Auch wenn es hart war, zu gehen, so war es noch härter, zu bleiben. Sie packte also ihre Sachen und machte sich davon. Ihr Ziel war München, oder Melbourne oder noch besser: Monrovia. Dorthin, in das von ehemaligen Sklaven gegründete Land mit dem Namen „Freiheit“, würde ihr keiner folgen.

Lieber ein Ende mit Getöse als Getöse ohne Ende

Werbespruch aus den 1980er Jahren vom ‚Hifi-Haus‘ in Frankfurt

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Von der Krux, Eltern im Alter zu beraten

Nach der letzten Operation verließ der Vater nicht mehr das Haus und die Mutter opferte sich freiwillig in der Pflege ihres Mannes auf. Wofür ist man schließlich über 50 Jahre miteinander verheiratet! Der Sohn redete sich den Mund fusselig, dass jetzt ein Pflegedienst kommen müsse. Erst als die Apothekerin zur Unterstützung riet, wurden die Eltern aktiv. Der Sohn war verletzt – warum hatten seine Eltern nicht auf ihn gehört?

Mit zunehmendem Alter scheint die Opferrolle eine größere Attraktivität zu gewinnen. Der Mensch hat jahrzehntelang viel geleistet und wird nun nicht mehr so behandelt, wie er sich das wünscht und erwartet. Er fühlt sich als Opfer gleich von zwei Tätern. Zum Einen von den Krankheiten und Gebrechen, die wie eine Heimsuchung über einen herfallen und zum Anderen von den Ärzten, die weder richtig behandeln können noch wirklich Verständnis haben für seine Situation.

Die Herzensverbindung zum Kind behindert das ZuhörenZwischen diese Fronten gerät der Sohn und ist gefangen in der Doppelrolle als Berater und Kind. Denn auch wenn Eltern altern bleibt das Kind Kind. Obwohl der Sohn schon lange arbeitet, seine eigene Familie gegründet hat und gut und gerne 90 Kilogramm auf die Waage bringt, sehen die Eltern in ihm immer auch den kleinen blonden sommersprossigen Kerl, der mit der buntgestreiften Badehose jeden Sommer in Nachbars Planschbecken badete. Wie ernst kann man etwas nehmen, was so ein Dreikäsehoch erzählt? Und dieser kleine Junge ist auch im Sohn immer noch lebendig: wie kann ich meinen Eltern auf Augenhöhe begegnen, wo in mir diese wohlige Erinnerung an die Sommer meiner Kindheit lebendig ist?

Das führt zu einem Drama-Dreieck Eltern-Ärzte-Kind mit klar verteilten Rollen: die Eltern sind Opfer, die Ärzte sind Täter und keiner versteht den anderen. Das Kind will helfend vermitteln und der Retter der Eltern sein. Doch die persönliche Verstrickung mit den Menschen, die ein Leben lang für einen da waren, verhindert, dass das Kinder Gehör findet. Antworten wie „Ach mein Kind, ich mach das doch gerne“ oder „Das bringt doch nix!“ ersticken jeden Lösungsansatz von Anfang an. Würde der Sohn Gehör finden, müssten die Eltern sich eingestehen, dass die Rollen sich vertauscht haben und sie heute diejenigen sind, die beschützt werden müssen.

Die Apothekerin ist nicht Teil des Drama-Dreiecks und der Familiengeschichte. Ohne tiefe Herzensbindung basiert ihr Kontakt viel stärker auf dem Verstand und dem Austausch von Sachinformationen. Statt die Aussagen des Sohns als die des eigenen Kindes zu hören, können die Eltern die Empfehlung der Apothekerin als das hören, was sie ist: als einen notwendigen Schritt, der jetzt ansteht.

Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen.

Sir Peter Alexander Baron von Ustinov (1921 – 2004, britischer Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur)

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Psychosomatische Erkrankungen im Alltag

Die Schmerzen schienen unerträglich, doch die Sitzung sollte noch Stunden dauern. Als alles nichts mehr half, fuhr der Abteilungsleiter nach Hause. Als er dort ankam, waren die Schmerzen aber wie weggeblasen. Sein Körper und der Volksmund wussten, warum: „Es war schlicht nicht mehr zu ertragen“. Gibt es noch mehr Volksweisheiten, die einen Menschen daran erinnern, wie es ihm wirklich geht?

Der Körper hält einem den Spiegel vorEs ist verblüffend, wie viele alltägliche Redewendungen ungewollte Wahrheiten beschreiben. Zahllose Dentisten sehen Zähne, die durch nächtliches Knirschen zerrieben werden, denn da „muss sich jemand durchbeißen“. Die Hals-Nasen-Ohren Ärzte wissen um eine gute Einnahmequelle, weil ihre Patienten etwas „nicht mehr hören können“, „die Nase voll haben“ oder ihnen etwas „im Halse stecken bleibt“. Physiotherapeuten leben hauptsächlich von Menschen, die „krampfhaft an etwas festhalten“, „auf deren Rücken etwas ausgebadet wird“ oder die ständig „den Kopf einziehen“ müssen. „Das geht auf keine Kuhhaut mehr“ wissen Dermatologen beim Blick auf Hautauschläge.

Der Volksmund hat seit jeher eine lange Liste von Redewendungen parat, um all diese psychosomatischen Krankheiten zu beschreiben. Dabei war dieser Begriff seit seiner Einführung Ende des 18. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts nur in medizinischen Fachkreisen bekannt. Aber bis heute werden vielfach die Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche ignoriert. Wenn dann jemand die Signale des Körpers mit einer Redewendung beschreibt, gibt es ein kurzes Aufleuchten in den Augen des Kranken: „Ja stimmt, da hast Du recht!“

Der Körper hält einem den Spiegel vor

Wie schön ist es, wenn ab und zu diese Erkenntnis im Bewusstsein bleibt und die Schmerzen zum Anlass genommen werden, sich diese Fragen zu stellen: „Warum tritt gerade diese Krankheit auf?“, „Warum tritt die Krankheit gerade jetzt auf?“ und „In welchen Zusammenhängen befinde ich mich jetzt?“ Das ist ein erster Schritt, um sich zu befreien und seinen Körper zu schonen. Und wer nicht hören will, dem geht es vielleicht wie einer Lehrerin, deren Körper eine grandiose, weil einfache und effektive Krankheit einsetzt, um ihr die notwendige Ruhe zu verschaffen: Wird der Stress zu groß, verliert sie ihre Stimme. Und weil sie heiser ist, kann sie keinen Unterricht leiten.

„Es gibt auch Spiegel, in denen man erkennen kann, was einem fehlt.“
Friedrich Hebbel (1813 – 1863), deutscher Dramatiker und Lyriker

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Das Flüchtlingsdrama der Weihnachtsgeschichte

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde …“ Diese Worte aus dem Lukas-Evangelium gehören für viele Menschen zum weihnachtlichen Kulturgut. Ich stolperte beim Lesen über diese Passage: „Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.“ Was bedeutete das? Und wie würde die Tagesschau über dieses Ereignis berichten? Vielleicht so:

Die vom römischen Kaiser Augustus Oktavian angeordnete Erstellung von Steuerlisten hat in Syrien eine Wanderbewegung der gesamten Bevölkerung ausgelöst, da sich jeder in seinem Geburtsort in die Listen eintragen lassen muss. Tausende Menschen sind in ihren Heimatstädten obdachlos geworden weil allenorten Unterkünfte fehlen. Eine humanitäre Katastrophe bahnt sich an, da jederzeit mit dem Wintereinbruch zu rechnen ist.

Direkt aus der besonders stark betroffenen Provinz Judäa nun live Lukas Stier.

Hinter der Kulissen der WeihnachtsgeschichteVon der viel gerühmten römischen Staatsorganisation und Planungsfähigkeit ist hier in Bethlehem wenig zu sehen. Die Behörden haben keinerlei Vorkehrungen getroffen, um die in ihre Heimatorte strömenden Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Von offizieller Seite wird dafür der römische Statthalter Quirinius verantwortlich gemacht. Doch hinter vorgehaltener Hand sagt man uns, dass der Zensus ein unerhörter Eingriff des Kaisers in die autonomen Rechte des jüdischen Königs Herodes darstellt. Die Zusammenarbeit auf allen Ebenen der Verwaltung ist daher fast vollständig eingestellt worden.

Die chaotische Lage machen sich Freiheitskämpfer wie Judas der Galiläer zu Eigen und rufen die Bevölkerung zum Widerstand gegen die römischen Besatzer auf.

Leidtragende sind die einfachen Menschen wie dieser Handwerker aus Galiläa. Er erzählte uns, dass er mit seiner hochschwangeren Verlobten seit Tagen zu Fuß aus Nazareth unterwegs war, um sich in seiner Geburtsstadt Bethlehem in die Steuerlisten eintragen zu lassen. Hier im römischen besetzten Judäa fanden sie keinen Platz in den überfüllten Herbergen und als die Wehen einsetzten, konnten sie immerhin in einem Stall unterkommen. Ihr erstes Kind ist ein gesunder Junge und alleine das ist in dieser Zeit ein echtes Wunder. Mit diesem Bild der Hoffnung zurück nach Frankfurt.

„2.337.327 Flüchtlinge sind von der Gewalt in Syrien betroffen.“
Statistik des UN-Flüchlingshilfswerks, Stand: 27. Dezember 2013.

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Darf ich Andere in ihr Unglück laufen lassen?

Die Abteilungsleiterin war wie immer in Eile, als der Kollege sie auf dem Flur erwischte und um einen Termin für die Vorbereitung der Strategiepräsentation bat. Komplett ausgebucht sei sie kommenden Wochen, ihr Blick erinnerte ihn an ein gehetztes Reh. Als sie dann noch sagte: „Bitte nicht böse sein, das ist nicht persönlich gemeint!“ kam er ins Grübeln. Wie um alles in der Welt kommt dieser Satz zustande? Er weckte in ihm Mitleid und den Wunsch, zu trösten und zu helfen. Doch wie? Und steht ihm das überhaupt zu?

Manche tanzen gerne auf dem Rand einer KlippeVon Außen betrachtet erscheint es, als ob manche Menschen haarscharf an einer Klippe entlang balancieren, immer kurz vor dem Absturz hinein in einen körperlichen oder psychischen Zusammenbruch.  Möchte ich eingreifen? Darf ich aktiv werden? Oder muss ich gar beschützen?

Die Frage, ob ich eingreifen möchte, ist in der Regel von der Sympathie abhängig, die ich für die andere Person empfinde. Leute, die ich eh nicht leiden kann, lasse ich viel leichter in ihr Unglück laufen als Menschen, denen ich mich nahe oder verbunden fühle.

Die Frage, ob ich eingreifen darf, hängt meiner Meinung nach davon ab, ob ich dazu den Auftrag oder die Erlaubnis habe. Ein Vorgesetzter hat eine Sorgepflicht, die sich oft aus einer Leitidee für Mitarbeiterführung ergibt. Sie ist der Auftrag, Klippengängern eine Rückmeldung zu geben und für ihre Entlastung zu sorgen, so dass sie mehr Abstand zum Steilhang bekommen. Und das unabhängig von etwaiger Sympathie oder Antipathie.

Die Erlaubnis einzugreifen bekommen Außenstehende nur durch die Person selbst, die in der scheinbar kritischen Situation ist. Am ehesten haben die Erlaubnis noch Partner, Freunde und Familie, aber allerwenigsten jedoch Kollegen. Selbst Bekundungen die über das übliche „Sie haben im Moment wirklich viel zu tun“ hinausgehen, können als „übergriffig“ angesehen werden. Denn: ist meine Wahrnehmung gerechtfertigt? Fühlt sich mein Gegenüber denn überhaupt am Klippenrand? Und will mein Gegenüber dazu etwas hören? Und in der Selbstreflektion: Ist mein „Unglücksempfinden“ identisch mit dem Unglücksempfinden des Anderen? Mein Unglück ist schließlich nicht ihr Unglück und ihr Unglück ist nicht mein Unglück.

In der Konsequenz heißt das: ich muss Menschen sehenden Auges in „ihr Unglück“ laufen lassen, wenn ich nicht den Auftrag oder ihre Erlaubnis habe, einzugreifen.

„Takt besteht darin, dass man weiß, wie weit man zu weit gehen darf.“
Jean Cocteau (1889 – 1963), franz. Schriftsteller, Regisseur und Maler.

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