Ich habe wider besseres Wissen „Ja“ gesagt

„Und die Jeans hier, die kommt auch zu Oxfam!“ sage ich zu meiner Frau und stopfe sie in die Tüte, zu den anderen Pullovern, Hemden und CDs, die ich gekauft habe, obwohl sie mich von Anfang an nicht wirklich überzeugt haben. Jetzt trenne ich mich endlich von ihnen, ich habe auf diese Art sogar schon mal einen Job entsorgt. Was bringt mich dazu, wider besseres Wissen „Ja“ zu etwas zu sagen?

„Hatte ich es nicht schon von Anfang gewusst?“ Diese Frage stelle ich mir immer dann, wenn ich im Nachhinein Recht behielt, aber nicht auf mich gehört habe. Das „spontane Bauchgefühl“ hatte in ¼ Sekunde die Grundsatzentscheidung getroffen: „Positiv“ oder „Negativ“. Mit deutlicher Verzögerung, erst nach einer ganzen Sekunde, kam der Verstand zu seiner Einschätzung, die nicht immer identisch mit dem Bauchgefühl ↗ ist.

Manchmal sage ich Ja und Nein zugleichDann war das Dilemma da, nicht nur bei so banalen Dingen wie dem Kauf von Kleidung. Fragen wie „Soll ich diese Person wirklich ins Vertrauen ziehen?“, „Soll ich das heikle Thema wirklich jetzt ansprechen?“ oder „Soll ich diesen Job wirklich annehmen?“ sind Fälle gewesen, wo ich besser auf mich gehört hätte. Im Nachhinein erschien es mir nur zu folgerichtig, dass sich bewahrheitete, was ich „irgendwie ahnte“, doch mit „vielleicht ist es aber doch gut“ zur Seite wischte.

Für mich gibt es mittlerweile eine klare Linie, an der ich Entscheidungen ausrichte. Nur ein klares „Ja“ ist ein „Ja“, alles andere ein „Nein“. Anders ausgedrückt: Im Zweifel für den Zweifel.

Menschen, die logische Strukturen lieben, können sich an einer Entscheidungsmatrix orientieren und so verhindern, dass das Bauchgefühl den Verstand ignoriert oder der Verstand das Bauchgefühl überstimmt:

Ja
weil: Kopf sagt Ja, Bauch sagt Ja
( + + )
Nein
weil: Kopf sagt Ja, Bauch sagt Nein
( + – )
Nein
weil: Kopf sagt Nein, Bauch sagt Ja
( – + )
Nein
weil: Kopf sagt Nein, Bauch sagt Nein
( – – )

Beim Einkaufen versuche ich mittlerweile die Botschaft des Kaufobjekts wahrzunehmen. Ist es lediglich ein „Winker“ („Hallöchen, wo du schon mal hier bist, ich bin günstig, wie wäre es mit uns beiden …“) oder ein „Rufer“ („Hey, ich bin Dein zukünftiges Lieblingsstück! Du wirst Dich ärgern, wenn Du jetzt nicht zugreifst!“). Rufer vermeiden, dass der Schrank voll hängt mit Sachen, die schon beim Kauf nicht überzeugten, sondern nur überredeten.

Dass ich bei der Jobwahl damals keinen anderen Weg sah als die Zusage, bedeutete lediglich, dass ich diese Entscheidung später revidieren konnte. Deshalb habe ich noch während der Probezeit gekündigt.

„Ganz nett“ ist die kleine Schwester von „Scheiße“

Lebensweisheit meiner Frau

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2 commenti su “Ich habe wider besseres Wissen „Ja“ gesagt

  1. Katja Goldapp sagt:

    Vielen Dank für deine Kolumne, ich habe mir meine Fehler heute Fett vorgeführt. Es fühlt sich leichter an wem ich sage ich habe mich geirrt.
    Danke liebe Grüße an Gabriele
    Katja

    PS wieviel kosten bei dir eigentlich Beratungsgespräche? Danke für die Rückmeldung

  2. […] Wissen (sofern das die Umstände erlauben), mehr Übung oder größere innere Stimmigkeit [mehr dazu, wie das gelingen kann]. In jedem Fall aber: mehr Fehlertoleranz sich selbst – und anderen – gegenüber. Wir haben ein […]

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