Von Positionen und Rollen: Warum Stellenausschreibungen versagen

Als die Kollegin ihren letzten Arbeitstag hatte, wurde ihre Nachfolge noch in Bewerbungsgesprächen gesucht. Dabei ging es um Aufgaben und Anforderungen des Stellenprofils. Doch die wahre Lücke, die ihr Weggang in das Teamgefüge riss, wurde auf diese Weise nicht gefüllt – mit einschneidenden Folgen für die Effizienz der Abteilung.

Wer sich Stellenausschreibungen durchliest, kann die immer gleichen Wortlisten finden. Es geht um Einsatzbereitschaft (überdurchschnittlich natürlich), Resistenz gegen Stress (bitte von Natur aus immun sein) und Teamfähigkeit. Doch gerade dieser Begriff bildet nur ganz unzureichend das ab, worum es geht: um die Rolle nämlich, die in dem Team (wieder-)besetzt werden soll.

Die nicht besetzte Rolle hinterließ eine schmerzliche LückeJedes Team besitzt verschiedene Charaktere. Beispielsweise das fleißige Lieschen, das treu alles wegschafft, ohne sich groß in den Vordergrund zu spielen. Den Kritiker, der beständig den Finger in jede Wunde legt. Oder die „Mutter der Kompanie“, zu der die erwähnte Kollegin zählte. Sie sorgte für gemeinsame Pausen, persönliche Geburtstagsgeschenke, aufheiternde Geschichtchen bei schlechter Stimmung oder auch mal einen Teamausflug, bei dem es herrlich blödsinnig-entspannt zuging. Diese Rolle war für die Effizienz der Gruppe viel entscheidender, als die Aufgaben, die in ihrem Stellenprofil standen. Denn sie erfüllte das Bedürfnis nach Wärme und Menschlichkeit in einem professionellen Kontext.

Bei der Stellenausschreibung ging es leider nur um die Position und nicht um die Rolle. Diese wurde nicht besetzt und niemand anderes aus dem Team übernahm sie, was eine schmerzliche Lücke hinterließ: die Pausenzeiten zerfledderten, Aufheiterungen wurden rar und Teamausflüge fielen aus. In der Folge bekam das fleißige Lieschen schlechte Laune, weil es einsam wurde. Der Kritiker nervte alle nur noch, weil es im Ausgleich nichts mehr zu lachen gab. Missstimmung breitete sich aus, die Arbeitsergebnisse wurden schlechter. Dafür wurde die neue Kollegin verantwortlich gemacht. Früher, bevor sie kam, „sei das Team mehr ein Team gewesen“ war der Vorwurf. Dabei war die Neue einfach unabhängig und professionell. Sie war hier auf der Arbeit und zu Hause war sie privat. Hätte sie in der Stellenanzeige gelesen: „Mutter der Kompanie gesucht“, hätte sie sich nicht beworben.

Beim Abschied wird die Zuneigung zu den Sachen, die uns lieb sind, immer ein wenig wärmer.

Michel de Montaigne (1533 – 1592, franz. Philosoph)

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Was hat die Goldwaage in Beziehungen zu suchen?

Sein Blick irritierte sie immer noch, wie schon am Anfang ihrer Beziehung. In all‘ den Jahren ließ er sie daran zweifeln, dass er sie ernst nahm, dass sie „auf Augenhöhe“ waren. Obwohl er ihr oft genug erklärt hatte, das sei sein „Ich verarbeite gerade das, was Du gesagt hast“-Blick, packte sie ihn auf die Goldwaage und beschloss: Das lasse ich mir nicht länger bieten! Doch hat eine Goldwaage in einer Beziehung überhaupt etwas zu suchen?

Die Goldwaage misst zu genauDie Goldwaage kommt in Beziehungen meistens in zwei Phasen zum Dauereinsatz. Ganz am Anfang, wenn das Beziehungsgeflecht noch so zart und zerbrechlich ist wie ein Spinnennetz. Augenflackern, Schwankungen in der Stimme, ein Zögern bei der Antwort – das kann wie ein Eisregen auf der Haut brennen. Alles ist noch so empfindlich, dass ein falsches Wort schon das Ende vom Anfang bedeuten kann.

Die Goldwaage kommt auch am Anfang vom Ende wieder zum Dauereinsatz. Jahrelange Enttäuschungen, Entbehrungen und Entliebung warten nur darauf, dass er oder sie das heißersehnte Wort, die verhasste Geste oder die zu oft miterlebte Handlung zum Besten gibt, um die im Hintergrund sorgsam sortierten Reihen von Kriegern loszuschicken, die zuverlässig noch aus jeder Mücke einen Elefanten gemacht haben. Statt wie beim Anbahnen der Beziehung vorsichtig mit den Fingerspitzen zu agieren können nun die Fußabdrücke nicht groß genug sein, mit denen man der Beziehung seinen Stempel aufdrücken will.

Wird alles auf die Goldwaage gelegt, geht der Blick für das große Ganze verloren. Keine Beziehung, ob im Privatleben, ob auf der Arbeit, kann ohne Großzügigkeit und Freiheit gedeihen. Die Goldwaage hat da nur einen Zweck: je weniger sie zum Einsatz kommt, um so besser ist es um die Beziehung bestellt.

Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch ist er unersetzlich.

Johannes Rau (1931 – 2006, SPD-Politiker, Bundespräsident)

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Männer sind halt so. Oder?

Mit einem zynischen „Hasta la vista, Baby“ befördert der Held den Bösewicht ins Jenseits – sehr zum Vergnügen ihres Ehemannes, der mit dem Sohn gerne „solche primitiven“ Action-Streifen anschaut, wie sie es ihrer Mutter klagend erzählt. Diese antwortet dann immer: „Männer sind halt so!“ Dabei ist ihr Mann sonst ein fürsorglicher Vater und zärtlicher Gefährte. Wie passt das zusammen?

Es scheint zwei Klischees über Männer zu geben. Zum einen gibt es die, die sich vor lauter eingebildeter Manneskraft nur breitbeinig, eine ganze Bank belegend, in die U-Bahn setzen können. Auf der anderen Seite scheint es welche zu geben, die keinen „Arsch in der Hose“ haben und sich von Ehefrau, Mutter und Tante herumkommandieren lassen. Im Kino werden diese Typen vom gnadenlosen Rambo und vergeistigten Neurotikern in Woddy Allen-Manier verkörpert. Doch zwischen einem Despoten und einem Sklaven gibt es noch mehr Männerschicksale und wenn „Frauenversteher“ nicht als Schmähung verwendet wird, haben diese männliche und weibliche Anteile in sich gut vereinigt.

TangotanzendeAm besten lassen sich solche Männer beschreiben, wenn man einen südamerikanischen Tango-Tänzer zum Vorbild nimmt. Tango ist eine fein austarierte Choreographie zwischen Männern und Frauen, Begehren und Begehrt-werden, zwischen Fordern und Gewähren. Manche Figur ist für mitteleuropäisch emanzipierte Menschen eine Zumutung: beispielsweise wenn der Mann sein Knie zwischen die gespreizten Beine der Frau schiebt. Dabei gibt es genau den Punkt, an dem die Figur das Maximum an Nähe und Erotik ausdrückt, ohne aufdringlich oder vulgär zu wirken. Gute Tangotänzer wissen um dieses Gleichgewicht und werden auch als Macho bezeichnet – nicht zu verwechseln mit dem deutschen Macho.

Ein Macho in Südamerika ist ganz klar ein Mann mit Attributen wie Dynamik, Angriffslust und Härte. Gleichzeitig hat er abwartende, anschmiegsame und ekstatische Anteile in sich, die typisch weibliche Attribute sind. Fehlen diese, spricht man in Südamerika von Machismo. In Deutschland ist genau das die Beschreibung für einen Macho. Es gibt also eine Werteverschiebung zwischen einem südamerikanischen und einem deutschen Macho. Der deutsche hat sein weiches Ich in einem eisernen Gefängnis eingesperrt. Interessanterweise werden solche Männer oft befangen in der Gegenwart einer starken Frau. Wenn sie nicht schüchtern den Rückzug antreten, überspielen sie das gerne mit besonders männlich-klischeehaftem Gehabe.

Ich widerspreche, wenn Evelyn Hamann in einem Loriot-Sketch sagt: „Gott, was sind Männer primitiv!“ Nein, sind sie nicht, manche benötigen mehr eben mehr „Rambo-Qualitäten“, andere hingegen mehr von Woody Allen. Ich frage mich, ob Tangokurse nicht dazu beitragen könnten, dass Männer echte Kerle werden: Männer, die Frauen um derentwillen und nicht um sich selbst Willen begehren. Davon haben beide etwas: die Männer und die Frauen.

„Männer, bei denen die Lust von Herzen kommt, sind mir suspekt. Ich denke doch, die sollte etwas tiefer sitzen.“
Shirley MacLaine, US-amerikanische Schauspielerin

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Was tun, wenn Business- Smalltalk droht?

Das Schild lud zum Grillnachmittag ein. Bei Steaks, Wein und Bier könne man ganz ungezwungen mit den Kollegen aus den anderen Abteilungen in Kontakt kommen. Ungezwungen? Da lachte mein innerer Eigenbrötler höhnisch auf. Für ihn sind solche Veranstaltungen der reine Zwang und er hielt mich deshalb vor dem Computer fest, um noch diesen einen Projektreport zu erstellen. Doch auf Dauer konnte ich mich diesen Veranstaltungen nicht entziehen. Was also tun?

Wenn der Chef zum Geburtstagsfrühstück einlädt, beim Kick-Off für das neue Projekt oder auf der Weihnachtsfeier muss ich in pseudo-privater Atmosphäre mit Menschen wertvolle Arbeitszeit verbringen, mit denen mich oft nur die Arbeit verbindet. Ohne die hätten wir nichts miteinander zu tun, was sich daran zeigt, dass das viel beschworene „Wir bleiben in Kontakt!“ bei einem Stellenwechsel regelmäßig im Sand verläuft.

 Socialising ist GeschmackssacheEigenbrötlerisch zu sein ist nicht mein grundlegendster Charakterzug, doch bei solchen geschäftlich-privaten Anlässen übernimmt „Der Mann in den Bergen“ in mir das Ruder. Statt „Socialising“ zu betreiben will er in seine Hütte in den Rocky Mountains. Dort, tief im Wald, gilt es schließlich auch noch dringend den Holzvorrat für den Winter zu hacken.

Kleiner Exkurs: Ein Unternehmen in Boston hat die sozialen Netzwerke von Unternehmen untersucht: wer spricht wann mit wem in welcher Stimmung und so eine Art Röntgenbild menschlicher Interaktionen erstellt. Es hat auch gemessen, welche Produktivitätsveränderung es dadurch gibt. Das Ergebnis: Mehr „Quatschen“ ist wichtiger als mehr Arbeit um die Effizienz zu steigern.

Um weiterhin gesellschaftlich kompatibel zu sein habe ich daher eine Stellenanzeige aufgegeben: „Suche Partygänger, der sich gerne ins Getümmel stürzt, Spaß an leichten Gesprächen hat und der ab und zu ehrliche aber harmlose Komplimente verteilen kann. Festanstellung. Einsatz auf Abruf. Sollte geübt sein, partyfeindliche Widerstände zu überwinden.“

Ja, so einen Partygänger habe ich in mir gefunden. Und der geht gerne zu einem Get-Together, zu Betriebsfesten oder Kick-Offs und nimmt mich einfach mit. Leider kann ich ihn ab und zu nicht erreichen. Ich vermute, „Der Mann in den Bergen“ hat ihm dann von tollen Erlebnissen auf einer fernen Hütte vorgeschwärmt. Und neugierig, wie der Partygänger von Natur aus ist, hat er sich auf den Weg in die Rockys gemacht. Der Bergmann freut sich über diesen Coup und so sitze ich mit ihm am Rechner, während die Gesprächsfetzen des Abteilungskaffees wie ein murmelnder Bach in unseren Ohren klingt.

„Das Leben ist bezaubernd, man muss es nur durch die richtige Brille sehen.“
Alexandre Dumas (1802-1870), Französischer Schriftsteller

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Ich habe größten Respekt vor der Lebensleistung meiner Eltern

Neulich hörte ich folgenden Dialog im Supermarkt: „Was schenken wir denn deiner Mutter zu Muttertag?“ – „Naja, eine Schachtel Pralinen und ein Pfund Kaffee, wie immer.“ Mit einem Augenzwinkern könnte ich das meiner Mutter auch schenken, doch viel mehr möchte ich ihr und meinem Vater Respekt und Anerkennung für ihre Lebensleistung schenken. Denn beides haben sie sich redlich verdient.

Der Muttertag hat für die Blumenhändler eine Sonderstellung, Werbung für Herztonikum aus der Apotheke, Schokoladenherzen oder sogar auch mal für eine Sondergröße eines Waschmittels zu diesem Anlass kenne ich aus meiner Kindheit. Und natürlich die ungeschriebene Regel, die Mutter an jenem Tag zu besuchen. Auf dieses ganze „Brimborium“ legte meine Mutter seit jeher keinen Wert. „Wenn mir das ganze Jahr nicht gedankt wird, kann ich an dem Tag auch drauf verzichten“ sagte sie meiner Schwester und mir. Sie hatte Recht: der Dank gehört in den Alltag. Ein Alltag, den mein Vater und sie sich mühsam erschaffen haben.

Meine Eltern sind einen weiten Weg gegangenMeine Eltern wurden in den letzten Jahren des 2. Weltkriegs geboren, rund 600 Kilometer voneinander entfernt. Sie in der heutigen Tschechischen Republik, damals noch „Sudetenland“ genannt, mein Vater in einer Kleinstadt im Taunus. Mit drei Jahren musste meine Mutter mit ihrer Mutter, Großmutter und ihrem Bruder eine neue Heimat finden. Sie landete in der Stadt meines Vaters, ein streng katholischer Ort, dessen Bewohner die Flüchtlinge geringschätzig aufnahmen. Ein Ort, in dem in den 60er Jahren das Tragen einer Jeansjacke meinen Vater schon zum Rocker machte und der Gottesdienst mit lateinischem Ritus zelebriert wurde. Mein Vater wurde schon früh in die Verantwortung genommen und erzog seine deutlich jüngeren Geschwister. Als er meine Mutter zu Hause vorstellte, tat er es mit den Worten „Das ist das Mädchen, das ich heiraten werde.“ Ein Halbstarker und ein Flüchtlingskind, beide mit zwanzig noch nicht volljährig – das war ungehörig und gehörte verboten. Doch ihre Mischung aus Liebe und Durchsetzungsvermögen durchbrach den Widerstand.

1968 landeten sie dann mit zwei Kleinkindern im Frankfurter Nordend, einem Zentrum alternativer Lebens- und Erziehungsformen. Sie lasen die neuesten Erziehungsratgeber und versuchten erfolgreich, konservativ-katholische Wurzeln mit progressiv-linkem Umfeld zu versöhnen. Das Geld war knapp und die günstige Miete spiegelte sich im schlechten Zustand des Hauses wieder, in dem sie eine Wohnung fanden. Die haben sie dann im wahrsten Sinne des Wortes mit Blut, Schweiß und Tränen zu einem Zuhause gestaltet. Später, als es etwas mehr Geld gab, machten sie Ausflüge und kleine Urlaube mit uns, nahmen uns mit nach Paris, Brüssel, Moskau und gönnten auch sich die eine oder andere kleine Verrücktheit.

Was sie sich in all den Jahren bis heute bewahrt haben, ist ihre Toleranz, die nicht „Frei von Regeln“ bedeutet. Ihre Neugierde, die kein „Trendhopping“ ist. Und ihr Großmut besonders in Situationen, wo jemand wirklich Hilfe benötigt. Wenn ich mir betrachte, wo sie herkamen und wo sie heute mit Anfang 70 stehen, dann kann ich nur den größten Respekt für ihre Lebensleistung haben. Unabhängig davon, ob „Muttertag“ im Kalender steht.

„Unser Leben ist die Geschichte unserer Begegnungen.“
Anton Kner (1911 – 2003, Deutscher Pfarrer und Schriftsteller)

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Ich dope mich mit Selbstbestimmung

Kürzlich war ich auf einem Releasekonzert der Musikerin Kaye-Ree, die sich selbst als „Natural high“ bezeichnet: fast immer gut drauf, kaum schlecht gelaunt. Ihr „Dope“ heißt Selbstbestimmung und ist ganz legal. Wie hoch muss die Dosis Selbstbestimmung sein, damit ein natürliches Glücksgefühl entsteht?

Kaye-Ree ist ein Natural highEs waren nicht die besten Voraussetzungen für einen Clubbesuch. Ich hatte seit Tagen Kopfweh und Magengrimmen, so dass meine Frau besorgt fragte: „Sollen wir da wirklich heute Abend hingehen?. „Ich möchte gerne wenigstens eine schöne Sache machen und mich nicht zu Hause verkriechen“, entgegnete ich ihr. Statt mich wie in einer Spirale nach unten ziehen zu lassen, in der nach und nach alle positiven und aufmunternden Aktivitäten aufgegeben werden, weil nur noch Erholung von der Erschöpfung angesagt ist, wollte ich von Anfang an etwas dagegen setzen. Und dann erzählt Kaye-Ree↗, dass sie als Musikerin privilegiert sei und viele sie sicher beneideten, denn sie tue nur das, was ihr Spaß macht.

„Na, danke“ denke ich mir, „reib’ jetzt auch Salz in meine Wunden – mein Leben ist nun mal fremdbestimmt!“ Aber ihre gute Laune, ihr natürliches High-Sein war ansteckend. Ich müsste ja nicht gleich meinen Job an den Nagel hängen und wie sie ein eigenes Plattenlabel gründen. Schon eine halbe Stunde am Tag ganz persönlich für mich, ohne gesellschaftliche Zwänge, die könnte mich doch „dopen“. Was könnte ich da alles „tun“! Den Wolken zuschauen, wie sie über den Himmel ziehen zum Beispiel. Oder ein wenig Gärtnern. Katzen kuscheln. Bei einem Kaffee und mit einem Buch auf Reisen gehen. Und wie ich da so im Konzert stand und mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, ließen auch langsam meine Magenschmerzen nach.

„I’m floating on my waves, giving my ideas and dreams some space“ (Refrain aus „Natural high” von Kaye-Ree)

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Neulich hörte ich folgenden Dialog im Supermarkt: „Was schenken wir denn deiner Mutter zu Muttertag?“ – „Naja, eine Schachtel Pralinen und ein Pfund Kaffee, wie immer.“ Mit einem Augenzwinkern könnte ich das meiner Mutter auch schenken, doch viel mehr möchte ich ihr und meinem Vater Respekt und Anerkennung für ihre Lebensleistung schenken. Denn beides haben sie sich redlich verdient. Lesen Sie am 24. Mai in meiner neuen Kolumne ein wenig aus ihrer beider Nachkriegsbiographien.

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Ich leiste Abbitte bei meinem Drucker

„Warum geht das denn schon wieder nicht? Das darf ja wohl nicht wahr sein! Hallooo? Ich hab nicht mehr so viel Lebenszeit um auf Dich zu warten. Nee, machst Du immer noch nicht was ich will …“ Der Wüterich in mir hat gerade wieder einmal seinen großen Auftritt. Doch wenn ich abgedampft bin und mir vor Augen halte, was ich gerade für ein Theater gemacht habe, dann will ich mich am liebsten bei meinem wehrlosen Opfer entschuldigen. Aber wie leiste ich Abbitte bei meinem Drucker? Und warum hat er von mir gerade eine verbale Tracht Prügel abbekommen?

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie oft die Menschen über „die IT“ schimpfen? Die „bescheuerte Programmierung“, die „lahme Kiste“ und die Hotline sei auch keine Hilfe? Dann kennen Sie vielleicht diesen Film: die Sonne scheint, der Himmel ist blau und die Vögel zwitschern (Ich will eine Seite ausdrucken). Plötzlich jedoch gerät etwas aus den Fugen und ein Unwetter dräut am Horizont (Der Drucker meldet niedrigen Tintenstand und reinigt sich vor dem Drucken. Nach der Reinigung ist die Tinte alle). Der Himmel verdunkelt sich, Blitze zucken; Donner grollt und Regen prasselt nieder (Ich schiebe eine neue Kartusche ein und die Reinigungsprozedur beginnt von vorne, anschließend gibt es einen Papierstau). Der Himmel scheint sich gegen mich verschworen zu haben. Doch nach ein paar Minuten reißt die Wolkendecke auf, die Sonne bricht sich Bahn und der Regen hört auf (Die Seite liegt sauber gedruckt im Ausgabeschacht).

Ein wehrloses OpferHochnotpeinlich ist mir nun, wie aggressiv ich war. Ein selbstgerechter nach unten tretender Radfahrer, der den anderen entwertet. Denn der ist Schuld, ich stelle seinen angeblichen Fehler an den Pranger. Dabei kann er gar nichts dafür, dass er sich so verhält. Er ist nun mal so programmiert. Ich habe mir ein wehrloses Opfer gesucht, an dem ich meine Unzufriedenheit mit mir selbst auslasse.

Ich war schlichtweg überfordert. Ich wollte „nur mal schnell noch“ etwas ausdrucken. Ich habe es dazwischen geschoben, während ich ursprünglich dabei war, aufzuräumen. Weil aber nicht viel Zeit zum Aufräumen war, denn ich musste ja aus dem Haus und ich da merkte, ich benötige noch diese eine Seite bei dem Termin, zu dem ich wollte … Immer, wenn mich die Komplexität der Dinge überfordert und ich unter Zeitdruck gerate, werde ich zum Monster. Meine ganze Energie wird gestaut und entlädt sich an einem Sündenbock, der sich nicht wehren kann.

Ich könnte ja mal damit beginnen, eine Sache anzufangen und zu Ende zu bringen, bevor ich die Nächste beginne. Das reduziert nicht die Menge der Arbeit, aber ich hätte nicht mehr so viele lose Fäden angefangener Dinge in der Hand. Und weniger Grund, Abbitte leisten zu müssen bei jemandem, der nichts für meine Überforderung kann.

P.S. Wer mehr zu dieser Art der Kommunikation lesen will, kann dies in „Miteinander Reden, Band 2“ von Schulz von Thun machen, Seite 115 ff.

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Eine schöne Tradition in chinesischen Restaurants ist es, dem Gast mit einem Glückskeks eine Lebensweisheit als guten Wunsch mit auf den Weg zu geben. Wie war ich erstaunt, als ich in meinem Keks die „Weisheit“ fand: „Liebe macht blind“. So ein Unsinn, dachte ich. Im Gegenteil: Liebe öffnet die Augen! Und warum in aller Welt enthält ein Glückskeks einen so frustrierenden Spruch? War dessen Bäcker vielleicht unglücklich verliebt? Mehr über Verblendung und genaues Hinschauen in Sachen Liebe und Partnerschaft lesen ab 17. Februar hier auf meinem Blog.

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Als ich neulich meine Coachingrechnung aufgegessen habe …

Vor kurzem habe ich meine Coachingrechnung aufgegessen und ich muss Ihnen sagen: Selten habe ich so etwas Köstliches im Mund gehabt! Jeder Biss ein Genuss und ein anhaltendes Glücksgefühl, das sich vom Bauch her in mir ausbreitete. Statt Geld zu verlangen hatte ich mich bewirten lassen und dieser Essenslohn war mir mehr wert, als wenn ich mit dem Geld der bezahlten Coachingrechnung ins Restaurant gegangen wäre. Und ich fragte mich: wäre das nicht mal ein alternatives Geschäftsmodell?

Manchmal esse ich meine Coachingrechnung aufNein, der Tag war bisher alles andere als gelungen, angefüllt von Ärger und Enttäuschung. Doch der Abend versprach die Wende, denn eine besondere Art der Bezahlung einer Coachingrechnung stand an. In Anbetracht der finanziellen Situation meines Gegenübers hatte ich vorgeschlagen, mich in Naturalien bezahlen zu lassen. Die Profession meines Coachees war Koch, sein Budget für Zeit mit sich selbst sehr mager. Ich esse gerne und so kamen wir überein: ich coache, er kocht.

Natürlich hätte ich mir von einer bezahlten Rechnung ein Essen im Restaurant leisten können, aber die Wertigkeit hätte nicht gestimmt. Der Koch hätte mit finanziellen Bauchschmerzen Geld überwiesen, das ich mit einem leicht nagenden schlechten Gewissen wieder ausgegeben hätte – vielleicht sogar in seinem Lokal. Also das ganze ohne Geld: Ich investierte zwei Stunden Zeit für ein Coaching und er Zeit zum Kochen für mich. Was ich von ihm serviert bekam, war mit einer besonderen Hingabe entstanden, mit Stolz aufgetragen und mit Dankbarkeit und Anerkennung gegessen. Ein Überweisungsträger hätte das nie vermocht.

Jetzt frage ich mich: Was sind zwei Stunden mit sich und für sich selbst wert? Vielleicht ein kleines Hauskonzert? Oder eine Massage nach allen Regeln der Kunst? Oder ein Fahrrad fit fürs Frühjahr machen? Und ich als Dienstleister: würden ich eine solche Bezahlung annehmen?

Auf Dauer könnte ich zwar alleine von diesem Geschäftsmodell nicht leben, aber ich kann flexibel sein. Geld ist schließlich nicht alles, oder?

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Weihnachten war es wieder voll bei ihr zu Hause. Die „Jugend“ war da, die Nachbarn von nebenan und von obendrüber auch und natürlich die neugewonnenen Freunde aus dem Nachbarhaus. Renate hat es einfach drauf, Kontakte zu knüpfen und das bewahrt die 75-jährige davor, schon im Altersheim zu landen. Wie sie und ihre Mitbewohnerin noch neugierig auf das Leben sind und auf Menschen zugehen lesen am 6. Januar hier auf meinem Blog.

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Eine Welt ohne „Warum muss mir das passieren?“

Auf der Zugfahrt zu meinem Patenkind kam ich mit einer Soziologin ins Gespräch, die Langzeitstudien mit Kindern macht, die außerhalb der gesellschaftlichen Norm sind. Das Wort „behindert“ will mir nicht über die Lippen, denn so wie diese Kinder mit ihren körperlichen Einschränkungen umgehen, hinterließ bei mir die Frage, ob ich der tatsächlich „Behinderte“ bin – nämlich in der Wahrnehmung meines Umfeldes. Sie öffnete mir die Augen für eine Welt, in der es kein „Warum muss mir das passieren?“ gibt, sondern das Gegebene tatsächlich als „mir gegeben“ angesehen wird.

Fragt nicht, warum es so istStellen Sie sich vor, dass sich bisher das Berufs- und Privatleben entsprechend Ihren Planungen entwickelt hat. Komplettiert wird das Glück noch durch die Geburt eines Kindes. Die PEKiP-Gruppe ist schon gefunden, der Krabbelstubenplatz reserviert und die Rückkehr aus dem Erziehungsurlaub auf ein Jahr nach der Geburt festgelegt. Und dann kommt der Kinderarzt und spricht von einer „Anomalität“, einem „Problem“. Das Kind habe sehr zerbrechliche Knochen und werde wohl Zeitlebens auf einen speziell gefederten Rollstuhl angewiesen sein. Lautlos bricht die Katastrophe über Sie herein – aus Ihrer Perspektive. „Warum nur musste (mir) das passieren?“ wird da leicht zu einem Mantra, hält die Wahrnehmung auf die Vergangenheit fixiert und macht blind für das „Hier und Jetzt“.

Das Kind mit den zerbrechlichen Knochen kennt nichts anderes als das, was es spürt und gespiegelt bekommt. Aus seiner Perspektive ist die Welt genauso spannend wie für jedes andere Kind: Alles will entdeckt werden, die Grenzen werden ausgetestet und das Kind will sich ausprobieren. Dass es dabei zu Knochenbrüchen kommt, gehört dazu. Die Schmerzen sind Bestandteil des Lebens. „Aber warum hast Du das denn getan? Du wusstest doch, dass Du Dir wehtun wirst!“ fragt die Mutter. Die Antwort ist ebenso logisch wie entwaffnend; „Ich wollte es ausprobieren!“ Das Kind übernimmt Verantwortung für sein Leben und das gilt es zu respektieren. Wer will schon die Entwicklung seines Kindes unterbinden?

Unbestreitbar ist das Leben mit einem besonders herausgeforderten und herausfordernden Kind völlig anders als geplant. Und genau darin liegt die Chance. Was dieses Kind erreicht ist bewundernswert – betrachten Sie mal die Erfolge aus seiner Perspektive! Es sind Geschenke, die die Eltern annehmen könn(t)en. Das Kind fragt nicht, warum es so ist, wie es ist. Weise Lehrer und religiöse Philosophen sagen nichts anderes: Sei mit dem, was ist.

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88 Prozent von 67 Testerinnen bestätigen messbare Ergebnisse mit dem Faltenlineal und empfehlen das Wunschvolumen, das sogar besser als eine Laser-Session ist. Ich habe gerade mal bis Seite 15 einer Frauenzeitschrift geblättert und bin schon vier Werbeanzeigen für Schönheitsprodukte begegnet. Wer jung ist, ist schön – so die gängige Formel. Um die dreckige Arbeit des Verblühens kümmert sich des Teufels Foltermeisterin: die Zeit. Auch wenn mich die Kosmetikindustrie hassen wird, verrate ich Ihnen am 9. Dezember meine vier Geheimnisse für Schönheit im Alter. Garantiert Cremefrei. Hier auf meinem Blog.

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Da hat doch jemand tatsächlich Spaß auf der Arbeit!

Flughafen Frankfurt, Terminal 1. Kurz vor der Sicherheitskontrolle noch schnell auf die Toilette. Ein fröhliches „Hallo! Guten Tag!“ reißt mich aus meinem Trott. Ich drehe mich um: Die Putzfrau lächelt mich an – die meint das wirklich ernst! Beim Rausgehen wünscht sie mir noch „Guten Flug!“ und ich bin so verdutzt, dass da jemand Spaß auf der Arbeit hat, dass ich sprachlos bin. Wer hat das heute noch: Spaß auf der Arbeit? Ein paar von diesen Menschen möchte ich Ihnen vorstellen.

Die meint das Ernst mit dem Spass bei der ArbeitDas Erschreckende an der obigen Begegnung ist ihre Seltenheit. Hören Sie nicht auch ständig, es sei viel zu viel Arbeit, zu wenige Leute, wie unvorhersehbar die Ereignisse seien und das alles eher schlimmer als besser werden wird? Diese Gespräche, gerne in der Kaffeeküche, ziehen mich in einer Negativspirale nach unten. Doch es gibt da einen Fahrradmechaniker im Frankfurter Ostend, der mich letztens mit einem öligen Händedruck begrüßte und strahlte, als sei die Sonne in seinem Gesicht aufgegangen. Stolz und glücklich übergab er mir mein Fahrrad, frisch gefettet, justiert und bereit, die „nächste Mittelmeerumrundung“ anzugehen. Dieser Mann arbeitet im Souterrain und bei seinen Preisen kann er nicht reich werden. Aber glücklich, das scheint er zu sein.

Es gibt auch eine Architektin, die ihren Job an den Nagel gehängt hat und heute in Frankfurt ein Atelier für köstliche Tartes↗ ihr Eigen nennt. Süße Tartes, herzhafte Tartes, nach französischen Rezepten, denn ihre Mutter kommt aus Frankreich. Davon kann man nicht leben? Nun, es kommt auf die eigenen Ansprüche an. Sie beliefert mit ihrem Bäckerfahrrad Cafés, macht Catering für Veranstaltungen und bietet einen festen Mittagstisch an.

Und dann gibt es noch, versteckt zwischen einem Gewürzhaus und einer Shishabar in der City eine Buchhandlung, die als eine der letzten ihrer Art von einem Inhaber geführt wird↗ und wo Menschen so viel Freude an ihren Büchern und kleinen Geschenkideen haben, dass diese Ausstrahlung eine Atmosphäre schafft, in der ich mich als Kunde wohl fühle und gerne einkaufe.

All diese Menschen haben Spaß auf der Arbeit und wer keinen hat, kann ja mal schauen, was sie oder er von ihnen lernen kann. Ich bin mir sicher – Menschen, die Spaß auf der Arbeit haben, findet jeder. Aber vielleicht nicht dort, wo sie / er sie vermuten würde.

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Auf der Zugfahrt zu meinem Patenkind kam ich mit einer Soziologin ins Gespräch, die Langzeitstudien mit Kindern macht, die außerhalb der gesellschaftlichen Norm sind. Das Wort „behindert“ will mir nicht über die Lippen, denn so wie diese Kinder mit ihren körperlichen Einschränkungen umgehen, hinterließ bei mir die Frage, ob ich der tatsächlich „Behinderte“ bin – nämlich in der Wahrnehmung meines Umfeldes. Sie öffnete mir die Augen für eine Welt, in der es kein „Warum?“ gibt. Wie es sich in dieser Welt lebt, erfahren Sie am 25. November, hier auf meinem Blog.

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